Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- Georg Merkel
- Date
- 1929-09-01
- Page
- 493 (sequence 1)
- Language
- German
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GEORG MERKEL Vor einiger Zeit ist bei uns in Wien unter dem Namen „Moderne Galerie" die staatliche Sammlung von Kunstwerken des XX. Jahrhunderls eröffnet worden. Das Ereignis hatte eine leidenschaftliche Debatte zur nächsten Folge. Und das war auch nicht anders zu erwarten. Eine erste offizielle Autstellung gegenwärtiger Kunst — kein Wunder, daß nicht nur die Künstler, sondern auch ihre Anhänger im Publikum je nach ihrer Partei gelobt und geschimpft, Forderungen und Anklagen erhoben, das Fehlende gewünscht und das Vorhandene verwünscht haben. Die Szene wurde zum Tribunal. Seit dem Kampf um Gustav Kiimt, den 1908 die Bilder des Meisters für die Decke des Festsaales in der Universität entfesselt haben, hat es in Wien keine derart allgemeine und autgeregte Kunstdebatte gegeben. Mit schroffstem Dafür und Dagegen. Nur in einem Punkt waren die beiden feindlichen Lager merkwürdigerweise einig. \]nd zwar in der Sache Georg Merkel. Der war nämlich bei der Zusammenstellung der Galerie übergangen worden. Unter hundert Malern dieser eine. Aber dieser eine fehlte allen. Auch den Reaktionären, die ihn gestern noch mit nicht gerade scharfen Waffen bekämpft hatten. Jetzt, da eine Auswahl moderner Kunst, welche die hervorragenden Kräfte der Gegenwart darstellen sollte, aufgetan war, fehlte er auch ihnen. Sie empfanden das als Ungebühr. Denn auch sie mußten und müssen, mit oder gegen ihren Willen, die Bedeutung dieses Malers anerkennen. Warum wir dieses Begebnis im voraus erzählen? Nun, man weiß ja, wie es in solchen Dingen bei uns Juden bestellt ist. Wir glauben an eine Kunst nicht früher, ehe sie von „der Welt" beglaubigt ist. Und an einen jüdischen Künstler meistens auch dann noch nicht. Dieses geringschätzige Verhalten gegenüber unseren Talenten ist nicht nur ein sittliches Übel, das auf die Urheber zurückfällt. Es behindert auch auf allen Seiten die freie, freudige Entwicklung eben jener Begabungen. Und das ist besonders ärgerlich. Denn wenn wir auch heute sehr viele außerordentliche Talente besitzen, so viele sind es nicht, daß wir sie lässig oder gar respektlos behandeln dürften. Und am wenigsten die Ursprünglichen und Kraftvollen. Unter diesen aber steht Georg Merkel in erster Reihe. Seine Kunst bietet sich gewiß nicht jedermann sofort verständlich an. Denn sie liegt nicht gefällig an der Oberfläche. Sie braucht einen Vorschuß an Vertrauen, von der Art, wie ihn jener einmütige Ruf der Wiener Sachverständigen dem Leser an die Hand gegeben hat. Oder eigentlich: sie braucht nur den Respekt, den vorerst jede echte Kunst von ihrem Betrachter verlangen darf. Georg Merkel malt Studien nach dem Leben, Landschaften und freie figurale Stücke. Aber auf diesen Unterschied der Stoffe kommt es hier wahrhaftig nicht an. Denn sie alle sind ihm nur Mittel zum gleichen Zweck: sie dienen der farbigen Ordnung. Man wird mich wohl verstehen: in den landläufigen, mehr oder minder natürlichen Bildern bleibt die Farbe dienstbar, sie begleitet die dargestellten Erscheinungen, macht sie dem Beschauer verständlich und setzt sie in besonderen Effekt. Bei Merkel herrscht sie — unbeschränkt. Er ist ein reiner Maler. Wer seine Bilder im Grunde bogreifen, also auch vollkommen genießen will, darf nicht ihren Gegenständen, er muß ihren malerischen Eigenschaften nachgehen. Das ist nicht leicht, aber jeder Mühe wert. Es kann vorkommen — und es kommt auch tatsächlich vor — daß eines dieser Gemälde eine bestimmte Örtlichkeit oder ein bestimmtes Modell behandelt, also etwa eine Landschaft in St. Veit oder jenen Knaben mit der roten Kappe, den Merkel, betroffen von dem reinen Schnitt und dem unerschlossenen Ausdruck des Gesichtes, irgendwo aufgegriffen und in sein Atelier gebracht hat. In beiden Fällen nimmt der Künstler seinen Ausgang von der Natur. Wer aber da meint, or könne seiner Kunst näher auf die Spur