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Menorah · 1929-09-01 · Heft 9-10 (September 1929) · p. Seite 462

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 9-10 (September 1929)
Article
An der Brücke
Date
1929-09-01
Page
Seite 462 (sequence 2)
Language
German
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462 MENORAH für eine Miene würde seine Exzellenz General Goltz machen, dachte er, wenn er sich bei ihm bald meldete und spräche: „Befehl vollzogen. Brücke fertig. Bitte gehorsamst, Eure Exzellenz, den letzten Nagel einzuschlagen . . Seine Phantasie begann sehr weite Formen anzunehmen. Er sah sich schon in den Zeitungen mit der Überschrift abgebildet, das sei der wackere Major Meyer, der es zuwege brachte, einen Brückenbau, für den die Russen ganze fünf Jahre benötigt hatten, in fünf Monaten zu vollenden. Und dann? Gott! Darauf wird er in das Hauptquartier, ja. ins Hauptquartier berufen werden, wo es von roten Aufschlägen und Lampassen nur so wimmelt, alle werden um ihn herumschmeicheln und ihn fröhlich anlachen; und dann wird Se. Majestät höchstselbst kommen, ihm die Hand auf die Schulter legen und sagen: ,,Sapperlot! Das ist ein echter deutscher Soldat!" Und Major Meyer wird entgegnen: ,,Gut und Blut für Kaiser und Vaterland . . Ein heißer Blutstrom wallte ihm ins Herz und brachte ihn in freudige Erregung, darum schlug er mit solcher Wucht auf die Stiefelröhren, daß sie aufknarrten. Mit ganzer Kraft und aus vollem Atem, den er in seine breite, mächtige Brust einzog, schrie er über den in Bewegung stehenden kilometerweiten Arbeitsplatz hinaus: „Vor—r—r—wärts, Leute, vor—r—wärts!" Einige hundert Paar Hände, unzählige Sägen, Äxte, Schrauben und Maschinen erwiderten geräuschvoll, wie Soldaten vor einem General: ,,R—r—r—r! S—s—s—s!" ging es in stetem Geratter. J_jerner hielt vor dem schlüpfrigen Ufer, rieb sich die Hände aneinander, um sich von dem herbstlichen Wind und Regen zu erwärmen, die ihm auf dem meilenweiten Fußmarsch ins Gesicht gepeitscht hatten. Er zog den Rucksack von den Schultern, wo sich einige Hemden, eine russische Gymnasiastenbluse, einige Lehrbücher und ein deutsches Wörterbuch befanden, massierte seine kalten Ohren, streifte den Lehm von den Schuhen ab, in dem das ganze Ufer versank, und trat in eine frisch gehobelte Schreibstube, die hart am Uferrand lag und fast ins Wasser zu kollern schien. Eine bejahrte Ordonnanz, ein blondbärtiger Landsturmmann mit komisch gespreizter Taille, aus der der Hinterteil übermäßig hervorstand, stellte sich ihm vor der Schwelle in den Weg und hielt ihn mit der Hand zurück, wie man einem Hunde das Einschleichen in ein fremdes Haus verwehrt.

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