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Menorah · 1929-09-01 · Heft 9-10 (September 1929) · p. 461

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 9-10 (September 1929)
Article
An der Brücke
Date
1929-09-01
Page
461 (sequence 1)
Language
German
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Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1929 by Isaac Schreyer, Wien Binjumin Lerner, ein russisch-jüdischer Soldat, der neun Frontdienstmonate hinter sich hat, muß sich, nach beendetem Urlaul), in seinem Sammellager in Praga, einer Vorstadt von Warschau, stellen, um Tags darauf neuerlich ins Feld zu ziehen. Die Brücke aber und die Straßen, die nach Praga führen, sind von Trainkolonnen und marschierenden Truppen derart verstopft, daß er die Frist versäumt und solcherart unfreiwillig zum Deserteur wird. Nach einem kurzen Aufenthalte bei seinem Onkel, der ihn verbirgt, treibt er sich, weil er aus persönlichen Gründen nicht länger bei ihm bleiben kann, in den Straßen Warschaus herum und hält sich vorübergehend im Atelier eines befreundeten Bildhauers, das als Zufluchtsort von allerhand Deserteuren dient, auf. Nach Vertreibung der Russen rücken die Deutschen in Warschau ein. Lerner, eine aktive Natur, die es ohne Arbeit nicht aushält, ist des Müßigganges müde und tritt als Hilfsarbeiter beim Wiederaufbau der zerstörten Weichselbrücke in die Dienste der Deutschen. n der gesprengten Eisenbahnbrücke, die aus der Weichsel ge- /V hoben und an ihrem alten Platze aufgerichtet werden sollte, stand die Arbeit in vollstem Gange. Unaufhörlich krachten eiserne Blöcke nieder, tobten und klirrten und fielen jeden Augenblick mit mächtigem Stoß auf einen Pfeiler, der sich um einige Zoll tiefer in den Grund bohrte. Hohe Krane, mit Drahtseilen und Kelten durchflochten, mit riesigen, gekrümmten, raubvogelartigen Fängen bewehrt, packten hundert Pud schwere Eisenträger und spien sie mit gieriger Schnelligkeit aus. Hämmer, Sägen, Schrauben und Bohrer kreischten mit heiseren Stimmen und überschrien einander. Und einige hundert Arbeiter, gefangene Russen, Zwangsarbeiter und zivile Tagiöhner krochen um die gewaltigen Lasten herum, schwärmten wie Ameisen um einen großen Baum, bückten sich, schleppten, sprangen zurück, rackerten und schrien mit unverständlichen Stimmen: „Ho—o—o . . . ruck, ho—o—o . . . ruck!" Major Meyer, Ingenieur der Sappenrabteilung bei der deutschen Armee, stand hart am Ufer, und seine klobigen Beine waren wrie angewachsen an dem lehmigen, klebrigen Boden. Er klatschte mit einer Reitgerte auf die hohen Wasserstiefel, deren Schäfte ihm fast bis an die Hüfte reichten, schmauchte eine Porzellanpfeife, auf deren Kopf ein Bismarck-Bildnis gemalt war, und sah der Arbeit zu, die im Enlfernungsbereich eines Kilometers vor sich ging. Wenn es so weitergeht, überlegte er, wird die Brücke nicht in sechs Monaten, wie es vorgeschrieben war, sondern schon in knappen fünf Monaten fertig werden. Das Gefühl, daß der Brückenbau um einen vollen Monat früher vollendet sein würde, erfüllte ihn mit Stolz. Was

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