Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Moses Kisling
- Date
- 1929-07-01
- Page
- 425 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MOSES KISLING „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" heißt das wundervolle Buch, das Andre Gide, einer der markantesten Schriftsteller des neuesten Frankreich, um die Jahrhundertwende schrieb. Seine eigene schmerzgeborene Rückkehr aus der Welt der Träume und der Spekulation in die der Wirklichkeit und ihre schützenden, ivenn auch engen Gesetze, wollte er darin erzählen. Wohl auch nochmals der neugewonnenen Überzeugung von der Bekömmlichkeit der ..irdischen Speisen" — Nourrilures terrestres hieß das vorangehende Werk Gides, in dem er das Lob jener ..Speisen" sang — und der Unzuträglichkeit des Lebens ,.in den Wolken" deutlichen Ausdruck geben. Die autobiographisch gemeinten Schöpfungen ragen aber weit über das Persönliche hinaus. Kaum ließe sich ein deutungsreicherer Kommentar zu den Ereignissen und Strömungen im geistigen Leben unserer Zeit finden als diese Bekennlnisschriften Gides. Die Kunstgeschichte der letzten Epoche umschreiben sie jedenfalls mit geradezu epigrammatischer Schärfe. Die Dämmerung des Impressionismus ist das große Geschehnis, welches das neue Jahrhundert einleitet und Ausgangspunkt aller weiteren Entwicklung geworden ist. Erstarkende Sehnsucht nach klaren umschriebenen Formen und kompakten Gegenständen, auf dem Boden des Impressionismus konsequenterweise unstillbar, hat sie heraufbeschworen. Denn all die unausschöpfbaren Wonnen einer ewigflutenden Farbenpracht, wie sie die Freilichtmalerei erschloß, konnten auf die Dauer doch darüber nicht vertrösten, daß man durch diese Art, die Dinge anzuschauen, der Wirklichkeit entfremdet wurde. Zu ihr zurückzufinden — wurde nun das Ziel aller Bemühungen, der Endpunkt, dem auf Wegen und Umwegen alle Suchenden schließlich zustrebten. In jene überhitzte Atmosphäre um 1910. die mit Gier nach Realität geladen war und von Kämpfen um neue Ideen dröhnte, geriet, neunzehnjährig, Moses Kisling. Jung, naiv, unverbraucht. An keinem Katzenjammer leidend, keine Irrwege fliehend, keiner Irrgärten überdrüssig. Nach dem Porträt, das Derain von ihm malte, zu urteilen, ein richtiger Springinsfeld. Von Gesundheit strotzend, mit Zügen, die vollkommen von Geist unbeschwert, unwiderstehlich beweisen, wie köstlich Kraft und Einfalt sind, mit weit aufgerissenen Augen, die alles Sichtbare zu trinken, zu verschlingen scheinen. In seiner neuen Umgebung repräsentierte er ,,die Unschuld vom Lande". Die ..irdische Nahrung", nach der es jene Raffinierten gelüstete, er liebte sie auch. Doch nicht, wie sie, mit dem komplizierten Gefühl der schuldbewußten Rückkehrenden. Nein, mit dem gesunden Appetit eines jungen Menschen, dem gute Zucht volle Genußfreudigkeit bewahrt hat und dem nun jetzt, da seine reifgewordenen Sinne sich der Welt öffnen, alles eitel Schönheit und Wunder erscheint. Denn er schaute sie mit den glühenden Augen eines Judenjungen an, dem jahrhundertelang der freie Blick in die Schöpfung verwehrt war und der sich nun an ihr nicht sattsehen kann. Neu, staunenswert, taufrisch, herrlich wie am ersten Tag, liegt jetzt vor ihm, dem doppeltjungen Augenmenschen, die Welt gebreitet. Während es also um ihn herum von Theorien schwirrte und geistreiche Experimente die Aufmerksamkeit fesselten, ging er, von all den Neuigkeiten unangefochten, seines Weges. Ohne sich von den Problemstellungen und den Qualen des Suchens, die seine Kameraden zermürbten, einschüchtern zu lassen, fand er. der Primitive, aus seinem ungebrochenen Instinkt heraus ohne Zaudern die ersehnte Richtung. Er schaute um sich und, tief ergriffen, trachtete er das Gesehene respektvoll und treu wiederzugeben. Sind aber in seinen Erstlingswerken trotz des sichtlichen Bemühens, sich an das Gegebene zu halten, die Farben oft wenig wahrheitsgemäß und die Komposition manchmal stilisiert, wird ihm oft der Alltag unter der Hand zu einem Märchen, so hat ihn bald eiserne Selbstdisziplin und ein Fleiß, der vor dem Erlangen nicht locker läßt, in den Stand