Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Herzls Bild
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 407 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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HERZLS BILD 407 selbst gelegen, allmählich deutlich geworden. Man sieht die Dreyfus-Afl'äre als Ausgangspunkt für Herzls zionistische Idee an. Auch das ein Teil jener Legende vom „plötzlichen Riß", in der das Bedauern mitklingt. Dreyfus war Herzl — man lese seine Tagebücher — herzlich unsympathisch (wie nicht anders denkbar). Mag vielleicht auch die politische Ausbeutung des ,,jüdischen'' Falles auf Herzl gewirkt haben, sein Werk aber entstand aus einer ganz anderen Einstellung heraus: Herzl halte mit seiner politischen Begabung die völlige soziale Unfruchtbarkeit des Bürgertums erkannt; und da er. seiner Stellung gemäß, die Salons des jüdischen Bürgertums aus nächster Nähe sah. da regle sich in ihm die V c r a c h t u n g gegen die ,, Promenadejüngelchen, die Protzen und Juwelenhebräerinnen als Vertreter der Judenschaft" (so charakterisierte er selbst diese Schichte). Das sind die Juden? Wenn es keine anderen gibt (Herzl kannte damals keine anderen), so muß man andere schaffen, durch andere Möglichkeiten neue Juden formen, freie Juden! Und da ging er hin und schrieb den „Judenstaat". „Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben" — mit diesen Worten leitete er seine unsterbliche Schrift ein. Das war die Erkenntnis, mit welcher der Mann des bisher unbewußten Machtwillens seine Sendung begann. Revolution des J u d e n t u m s es war der Ausdruck des Triebes, der in Herzl so lange ungeformt gelebt, dahin und dorthin tastend. Diese revolutionäre Macht zu schaffen, zu organisieren, war für Herzl fortan Lebensaufgabe. Er ist an ihr nicht zerschellt; er starb früh, weil er, wie seine in blühender Jugend verstorbene Schwester, an einer konstitutiven Herzerkrankung litt, der er, stets ein Rastloser, wenig Beachtung schenkte. Aber in den acht Jahren, da er wirkte (alle anderen Jahre waren Suchen, nicht Wirken), hat er sein Ziel erreicht: die Revolution wird nicht mehr aus dem Judentum verschwinden. In diesen acht Jahren war Herzl allein. Er wußte es. wußte wohl, daß er damals der einzige revolutionäre Wille war. E r vertraute nie m a n d e m, auch denen nicht, die sich seine Freunde nannten. Vielleicht einem —■ dem Bankier David W o 1 f f s o h n aus Köln, der ihm in der Leitung der zionistischen Organisation folgte. WoltTsohn aber entstammte nicht jener Sphäre, die ursprünglich Herzls Sphäre gewesen; aus ihr brachte er niemandem Vertrauen entgegen, zu groß war jene Verachtung, die in ihm saß, er wußte, daß keiner aus dieser Sphäre frei war. Herzl nahm auch seine Mitarbeiter zumeist nur als Sklaven, die blindlings zu gehorchen hallen. Wie es überhaupt zu seinem Wesen gehörte, sich trotz seiner Vornehmheit im Umgang über Menschen und Alltäglichkeit hinwegzusetzen. In seinen Tagebüchern, die bei der Herausgabe sehr sorgfällig retuschiert wurden, finden sich Urteile über seine nächsten Mitarbeiter, die oft von grauenhaft-ungerechter Schärfe sind. Keines aber ist eigentlich unberechtigt. Es linden sich aber auch politische Erwägungen von einer Hellsichligkeit, die in erstaunlicher Weise über Tage und Jahre hinaus in Zeiten und Räume denkt, es finden sich auch Bekenntnisse über diplomatische Volten und Finten, die vielleicht manchmal ans Unbedenkliche grenzen, aber stets genialen Zug haben. In allem aber eines: unaufhaltsame, elementare K r a f t, stets, auch in ihren Fehlleistungen, von den schöpferischen Gesetzen der V e r n u n f t geleitet (Herzl selbst nennt einmal Organisation den „Beweis des Vernünftigen in der Bewegung"). Das war Herzl, der durch acht Jahre und lange darüber hinaus der einzige politische Z i o n i s t des von ihm begründeten politischen Zionismus blieb. Dies der Versuch, jene Gestalt festzuhalten, die in die Sterne reichen konnte, weil sie jene Sphäre überwand, welche seit 25 Jahren die „ästhetische" Herzl-Legende schaffen hilft. Was ihr hier entgegengesetzt wird, mag unzulänglich sein; es will bloß die Luft reinigen. Denn nur in reiner Luft wird die H e r z l - L e g e n d e d e s f r e i e n Volk e s entstehen.