Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Das Grabmal für Chajes
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 403 (sequence 1)
- Language
- German
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403 Das Grabmal für Chajes Die Wiener Kultus-Gemeinde hat ihrem verstorbenen Oberrabbiner, Hirsch Perez Chajes, ein bemerkenswertes Grabmal gesetzt. Auf drei stufenweise ansteigenden Platten erhebt sich ein aufrechter Block; der helle, kantige Sandstein ist mit gemeißelten, grau gefärbten Schriftzeichen bedeckt; der aufrechte Block trägt an seiner Stirnseite ein kreisrundes hervortretendes Messingschild mit dem Namen des Toten. So bereitet, ist dieses Grabmal rein geraten und schon an und für sich ein Werk von edel angemessener und harmonischer Wirkung. Aber wichtiger ist, was es grundsätzlich bedeutet. Der Stufenbau entspricht nicht unserm Rituale, das bei dem Grab selbst den Hügel nicht gelten läßt. Nimmt man aber diese Einschränkung vorweg, dann bleibt eine Fülle von vorbildlichen Werten. Obwohl oder weil dieses Grabmal so einfach ist. In seiner Nähe steht — aus jüngster Zeit — eine neugotische Kuppelgruft und dahinter eine Reihe von weniger pompösen, aber immerhin überangestrengten Stilversuchen. Von solchen recht irdischen und befremdlichen Absichten, die nach der Meinung vieler, vor allem der Beteiligten, zum Begriff einer ansehnlichen Grabstätte gehören, hält sich das Grabmal für Chajes frei. Es setzt an die Stelle des Pompes die schlichte Würde. Und ist schon deshalb im rechten, jüdischen Sinn ein Grub oder noch mehr: ein Ehrengrab. Die üblichen Bestrebungen, ein solches Grab schmuck und bedeutend zu gestalten, führen zu einem unschlüssigen Mittelding zwischen Architektur und Dekoration. Der Schöpfer dieses Grabmales hat von vornherein sowohl auf Architektur wie auf Dekoration verzichtet. Er hat sich an die Sache gehalten, die hier allein eine Angelegenheit der Steinmetzerei sein kann. Infolgedessen fielen sofort alle Gedanken an einen bildhaften oder symbolischen Zierat weg, die sonst dem Verfertiger einer jüdischen Grabstätte so viele unnütze Sorgen bereiten. Denn Gebot und Herkommen stehen ja einem solchen Unterfangen klar entgegen. Trotzdem bemüht sich, wer vor diese Aufgabe gestellt ist, zuallermeist damit, wie er gegen den sinnvollen Brauch wenigstens das an Zier anbringen könnte, was gerade zur Not noch statthaft ist, und denkt zuallererst eben daran. Also an das Attribut, nicht an den Kern. Der Schöpfer des Chajes-Grabes dachte zuerst und zuletzt an den Kern der Aufgabe: an den Denkstein, Ein Denkstein besteht — das sagt schon das Wort — aus einem Stein und aus einem Mittel, welches das Gedächtnis, dem der Stein dient, zum Ausdruck bringt. Da es um ein Mal geht, steht der Stein voran und muß auch noch am Ende ganz und kräftig wirken. Alle Versuche, ihn zu zerstükken, zu kombinieren und auf architektonische Teilformen — etwa auf Säulen, Pfeiler, Sockel und Giebel — zu bringen, können beim jüdischen Grabmal niemals so vollkommen werden wie der Monolith. Dieser Grabstein ist, wie die ehrwürdigen aus den lebendigen Zeiten unserer Tradition, monolith. Er spricht, wenn auch zurechtgehauen, die Sprache des Felsens. Er hat die Urstimme, die uns zurückruft. Zum Denkstein macht ihn die Schrift. Schrift ist Zug der Hand, Gefäß des Geistes, Form des rhythmischen Triebes. Hebräische Schrift iat Zug unserer Hand, Gefäß unseres Geistes, Form unseres rhythmischen Triebes. Jede andere Schrift ist Entlehnung. Wir mögen sie noch so gut beherrschen — sie bleibt Spiel an der Oberfläche, im besten Fall individuell, niemals Zeichen unserer tieferen volkstümlichen Eigenheit. In diese dunklen Abgründe unserer eigenen Art reicht nur unsere Schrift. Sie führt über Jahrtausende unseres allgemeinen Lebens, dessen innere Geschichte sie geschrieben, zurück bis an die Anfänge unseres Daseins. Welche andere wäre so geeignet, zum Gedächtnis unseres Endes gebraucht zu werden! Der Grabstein für Chajes setzt sie wieder in ihr altes, schönes und heiliges Recht. Uber und über bedeckt