Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Der erste Schultag
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 394 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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394 MENORAH zuwider; er war froh, daß sie ihm nie etwas brachte. Der Vater war auch nicht zu Hause. Chaim war sich nicht klar darüber, wie er zu seinem Vater stand. Wenn er Freitag abends die Gebete sprach oder am Sabbathausgang, das Kind zwischen den Knieen, aus dem geheimnisvollen Buche ein hebräisches Lied nach dem andern sang, liebte ihn Chaim inbrünstig; aber wenn er an Wochentagen mit finsterer Miene alles, was ihm die Mutter vorsetzte, ärgerlich hin und her schob oder gar böse Worte mit blitzenden Augen begleitete, dann haßte er ihn oder zitterte vor Zorn. Der Vater war eine ständige Drohung für den Seelenfrieden des Kindes. Heute, an einem Wochentage, war er besser weg; das war sicherer. Und Beerisch war auch weg. Beerisch war nur drei Jahre älter als Chaim, der einzige Bruder des Vaters, ein lieber Kerl, der sich auf Spaße verstand wie kein zweiter. Aber auch der war ein Störenfried. Bald kam sein Lehrer und meldete, daß er wieder aus der Schule davongelaufen sei, bald klagten Nachbarn über böse Streiche. Jedesmal wurde er vom Vater gezüchligt, und von Vaters Mutter, Bube Genendel, in Schutz genommen. Diese Mißtöne verleideten dem Kinde seine harmlose Lebensfreude. Heute war er mit seiner Mutter allein. Höchste Glückseligkeit. Und doch fühlte er sich bedroht. Bube Pessel hatte heute anders gelacht als sonst; er glaubte fast, sie hätte Tränen in den Augen gehabt. Warum? Und die Mutter war auch anders als sonst; sie vermied es ja geradezu, ihm in die Augen zu sehen. Warum? Und Bube Pessel hatte mit der Mutler flüchtig, verstohlen einen Blick gewechselt. Das Kind hatte ihn wohl bemerkt, wenn er auch keine Ahnung hatte, daß ihm das Augenspiel aufgefallen war. Chaim ergriff die herabhängende Hand der Mutter und versuchte sie nach unten zu ziehen. Er wollte sie zwingen, ihm ihr Gesicht zuzuwenden, ihm in die Augen zu sehen. Da hob sie ihn plötzlich zu sich empor, drückte ihn an die Brust und bedeckte ihn mit Küssen. Aber gleichzeitig fühlte er etwas Nasses, Salziges auf den Lippen. Er wollte aufschauen — da fühlte er sich derb angefaßt, gehoben, und schon ritt er einem riesigen Mensehen auf den Schultern und wurde blitzschnell davongetragen. Er schrie verzweifelt: „Manime! Mammel" und wandte den Kopf nach der Mutler. Doch er sah sie gerade noch im Eingang zu ihrer ebenerdigen Wohnung verschwinden. Da fuhr er dem Riesen ins kurze krause Haar, schlug ihm wütend die drallen Beinchen gegen die Brust, dann brach er in lautes Schluchzen aus. Jetzt wußte er, welches Unglück ihn ereilt hatte: er wurde vom Belfer zu Luser Juwan ins Cheder ge-