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Menorah · 1929-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1929) · p. 393

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1929)
Article
Der erste Schultag
Date
1929-07-01
Page
393 (sequence 1)
Language
German
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DER ERSTE SCHULTAG Aus der ..Wahren Geschichte" eines polnischen Juden, der in jungen Jahren nach dem Westen kam, deutsche und englische Sitle in sic h aufnahm und die geistige Wiedergehurt seines Volkes in ihren ersten Wehen erleide. Der kleine pausbackige Junge hielt sich am Kattunkleid der Mutter fest. Er wußte selbst nicht warum. Aber das warme Wohlgefühl, das ihn an diesem sonnigen Frühlingstag erfüllte, das dunkle Glücksempfinden, nach dem langen Winter wieder im Freien zu sein, noch da/Ai neben der Mutter, die sonst immer in der Stube beschäftigt war bald mit dem unruhigen Schreihals in der Wiege, bald mit Strick¬ oder Nähnadel, bald mit den Töpfen am Herd —■ war durch etwas Drohendes, etwas Ungewöhnliches getrübt. Der Kleine war ein langsamer Denker, andere Kinder, zum Beispiel Schije Kitters Mottet, der auch erst drei Jahre alt war. waren ihm an Schlagfertigkeit weit voraus. Aber Ghaims große graublaue Augen nahmen viel mehr auf, als man ahnte, und seine schneeweiße Haut war feinstes Gefühl. Sein Vater, der kein übler Beobachter war, hatte einmal nicht ohne Stolz gesagt: .,Chaim hat Augen im Bücken/' Und diese Haut fühlte sich seltsamerweise heute, am zweiten Tagenach Pessach, nicht ganz ruhig, trotzdem alles, dessen er zu seinem Glücke bedurfte, sein war. Bube Pessel halte ihm ein Mohnbeuge] gebracht, der nach den acht Tagen des Mazzes- Einerlei köstlich schmeckte; alles, was Bube Pessel brachte — und sie kam nie, ohne etwas zu bringen — schmeckte gut, weil ihre Augen immer lachten und ihre Berührung ihn sanft durchrieselte. Der Bach führte viel Wasser und roch gar nicht so übel wie sonst; vom Garten des christlichen Nachbars Jurski her duftete es sogar ganz eigenartig, nur wußte das Kind nicht, idaß der Brodem der frisch umgestochenen Beete und die zarte Seele von Veilchen ihm in die gerade kleine Nase stieg. Dazu schwelgte er in der freien durchwärmten Luft wie niemals zuvor. Der weite Platz schimmerte im Sonnenschein, die weißen Tauben spazierten ungestört umher, und die vielen Fenster des großen zweistöckigen Hauses, das die ganze Breitseile des Platzes einnahm, blitzten in einem nie gesehenen Feuer. Das war ja wie ein Stück Himmel, gar nicht der gewohnte, alltägliche Platz. Und die Mutter stand neben ihm.----Aber nicht genug daran, daß er alles hatte, was er liebte — was ihn sonst in seinem Leben störte, war wunderbarerweise unsichtbar. Bube Genendel mit der langen, hageren Gestalt, der ledernen Haut, den langen Ohrringen war ihm

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