Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 384 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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384 MENORAH sich, das Gebetbuch in der Hand. In diesem Augenblick stand auch Clarence Heyl hastig auf, wie einer, der nicht an den Gottesdienst gewöhnt ist. Er beugte das Haupt und schaute interessiert, gedankenvoll und ehrfürchtig zugleich auf den Rabbi. Keiner außer den beiden war aufgestanden — der Tod war in diesem Jahre glimpflich mit der Gemeinde Emanu-el verfahren. Das Gebet war beendet. Fanny wischte sich fast zornig die Tränen aus den Augen. Als sie sich niederließ, fühlte sie, daß sie zu einem Abschluß gekommen sei. Es war, als sei Band I eines Buches beendet, das aus drei Teilen bestand. Winnebago und mein Leben hier ist erledigt, sagte sie sich. Interessant, daß ich das weiß und spüre. Es ist wie der erste Satz eines der Konzerte, die Theodor immer spielte. Nun, der zweite Satz wird lebhaft sein. Fortissimo, Presto. Rabbi Thalmann hob seine Hände zum Segen. Fanny sah ihn fest an, als wolle sie sich für immer sein Bild einprägen. Seine Augen ruhten gütig auf ihr oder vielleicht bildete sie sich auch nur ein, daß er über sie allein die Worte des alten Schlußgebetes spreche: ,,Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lasse dir sein Antlitz leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende dir sein Antlitz zu und schenke dir Frieden/' Während des letzten Wortes erhob sie sich eilig und lief die Stufen herunter und in die stille Schönheit der Mainacht. Sie hätte jetzt keinen Abschied ertragen können. In ihrem Hotelzimmer machte sie sich noch lange mit den halbgepackten Koffern und Taschen zu schaffen. Sie hatte gar nicht bemerkt, daß der brünette junge Mann eilig hinter ihr hergelaufen, aber noch in der Vorhalle des Tempels von vielen Händen aufgehalten worden war, die ihm Willkommen boten. Und er fluchte innerlich, als er Fannys schlanke aufrechte Gestalt die Treppe hinuntereilen und verschwinden sah, während er höflich sagte: ,,0 ja, danke, ich bin froh, daß ich zurück bin," und „Ja, alles hat sich verändert. Nur der Tempel und Rabbi Thalmann nicht." Und am nächsten Morgen um acht Uhr früh verließ Fanny Winnebago. Ein Kapitel aus dem demnächst im Verlage Gebrüder Enoch in deutscher Sprache erscheinenden Roman „Fanny herseif"