Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Fanny
- Date
- 1929-07-01
- Page
- 363 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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FANNY Von Edna Ferber Copyright 1^50 by Gebrüder Enoch Verlag, Hamburg. In Winnebago, einer typischen Kleinstadt des Mittelwestens, sechs Stunden von Chicago, hat Ferdinand Brandeis einen kleinen Krämerladen begründet. Sein früher Tod läßt Molly Brandeis mit zwei kleinen Kindern, Fanny und Theodor, verwaist zurück. Mit zäher Energie übernimmt Frau Brandeis die Führung des Geschäftes, die Erziehung der Kinder. Es gelingt ihr aus dem unscheinbaren Laden den in der Sladt und bei den Farmern der Umgebung weitbekannten „Brandeis-Bazar" zu entwickeln und durch ihre Gabe, stets zu wissen, was ihre Kunden wollen und das ihnen zu verkaufen, was für sie taugt, zu großem persönlichen Ansehen zu gelangen. Fanny soll nach dem Verlassen der Mittelschule nach dem Willen der Mutter weiter studieren, setzt es aber durch, daß sie im „Brandeis-Bazar" an der Seite ihrer Mutter arbeiten darf. Theodor, der frühzeitig musikalische Begabung verrät, geht zur Fortsetzung seiner Studien nach Deutschland. In seiner Abwesenheit stirbt Molly Brandeis plötzlich nach kurzer Krankheit. Sie können jetzt herunterkommen, es sind schon alle da, glaube ich, Dr. Thalmann fängt gleich an." Fanny, die in einem Stuhl in ihrem Schlafzimmer kauerte, blickte, als sie emporschaute, in das derbe, gütige Gesicht einer Frau, die sich über sie beugte. Dann erhob sie sich gehorsam und ging mit schwerem, unsicherem Schritt zur Treppe. „Ich würde an Ihrer Stelle den Schleier herunterziehen," sagte die Nachbarsfrau und griff nach dem schwarzen Gewebe, das Fannys Hut umfloß. Auch Fanny faßte mit zitternden Fingern danach. „Ich hatte es vergessen," sagte sie. Nun fiel der schwere Krepp über ihre Schultern hinab und verbarg mitleidig das verschworene, blasse Gesicht. Sie schritt die Treppe hinunter. Eine leichte Bewegung entstand, man wandte sich ihr zu und ein halblautes, teilnehmendes Gemurmel durchlief das menschenerfüllte Wohnzimmer, als sie es durchquerte, um in die Stube zu gehen, in der Rabbi Thalmann wartete. Er hielt das Gebetbuch in der Hand und stand vor etwas, das mit Blumen bedeckt war. Fanny setzte sich. Sie hatte das Gefühl, daß alles das nicht wirklich sein könne. Dr. Thalmann räusperte sich und schlug das Buch auf. Aber nicht die Grabrede des Rabbi, die Versammlung selbst legte Zeugnis dafür ab, wie Frau Brandeis in dieser Gemeinschaft gestanden war. Jeder besaß seine eigene Meinung über Molly Brandeis, und es bedurfte nicht einer letzten Lobrede, sie zu bestätigen. Vater Fitzpatrick war hier, groß, schön, rosig, mit seinen zwei weißen Haarstreifen an den Schläfen, die ihm mehr als je das Aussehen eines Führers gaben. Er war einer von denen gewesen, die, wie er sich selbst ausdrückte, „in Frau Brandeis Beichtstuhl" in dem stillen kleinen Laden gesessen