Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Ritualmord in Memel
- Date
- 1929-05-01
- Page
- 317 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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UNSERE ZEIT RITUALMORD IN MEMEL Von Wolfgang Weisl Copyright by Jewish Tclegraphic Agency, London 1929 Memel, Anfang Mai 1929. |) itualmord ist wieder modern. Scheint es. In Bombay wenden die Mohammedaner angeklagt, in Unlerfranken die deutschen Juden, vom Bayrischen Kultusminister als Volksgenossen in Schutz genommen, und in Memel, wo es in den letzten zehn Jahren eine starke jüdische Einwanderung aus Großlitauen gibt, versichern die Memelländer ihren alteingesessenen Mitbürgern jüdischen Glaubens: „Ihr seid ja brave Leute; ihr schlachtet bestimmt keine Christen — — aber die Osljuden ...?.. .!" Und man fühlt förmlich den unfreiwilligen Hohn dieser Beruhigung. In Berlin gilt schon der Danziger Jude als „Ostler"; im Memelland, das heute Litauen Untertan ist, jeder der außerhalb der ehemals schwarzweiß-roten Grenzpfähle auf die Welt kam. Bis schließlich irgendwo in Indien der Paria von Bombay, der „Unberührbare" und Ausgestoßene dem afghanischen Mohammedaner entrüstet zuruft: „Herr, Sie schlachten kleine Kinder und überdies sind Sie ein Zugereister." Worauf im weiteren Verlauf der Ereignisse Panzerwagen einzugreifen haben. ]% yi an sieht, ich bin gerne geneigt, das Blutmärchen als nicht spezifisch jüdisches Unglück zu werten. Ich bin gerne bereit, noch weiter zu gehen und eine ganze Reihe internationaler Lügen in denselben Topf vergifteter Fantasien zu tun, als da sind: die Geschichte von belgischen Kinderohren in deutschen Reilertaschen und ähnliches mehr. Aber wenn es auch verlockend wäre, zu untersuchen, inwieweit bei allen diesen Erdichtungen Wunschfanlasien oder Traumfantasien, vielleicht aus Kinderjahren und vielleicht atavistischer Herkunft, mitspielen, so sei doch hier davon nicht weiter die Rede. Zu abgrundtiefe Probleme psychoanalytischer Natur spielen hier mit — nahe liegt die Versuchung kurz und falsch zu sagen: niemand wird imstande sein, jemandem einen Rilualmord zuzuschreiben, wer nicht selbst einer solchen Untat fähig sei. .. Anderswo wird einmal später die psychoanalytische Antwort auf die Frage nach der Entstehung der Blullüge gefunden werden müssen. Bei dem Problem der Fremdheit wird begonnen werden: der Fremde, der Barbar, der auf atavistischer Entwicklungsstufe Stehengebliebene — der Feind, von dem dunkle Sagen im Blute raunen, der Feind von vor oOOO Jahren... Er ist zu allem fähig, er ist fremd und wir wissen nichts von ihm. Und deshalb trauen wir ihm nicht über den Weg. Deshalb muten wir ihm auch das Scheußlichste zu. Ihm — dem Fremden. Dem Geheimnisumwitterten. Ob es der Jude für den Christen sei, oder der Muslim aus Pathan für den streikenden Textilarbeiter in Bombay, ob es der deutsche Husar für den französischen Kleinbürger oder der europäische Arzt für den chinesischen Boxer . . . das Problem ist immer das gleiche. Das der Fremdheit. Und so müßte eine kritische Untersuchung des Rilualmärchens zunächst zwei Probleme aufklären: erstens wieso es komme, daß es seit sieben Jahrhunderten immer wieder in christlichen Ländern gegen Juden geschleudert werde, und zweitens, warum gerade dem Blute christlicher Kinder oder junger Mädchen eine so besondere Rolle im jüdischen Ritus zugedacht wird. Nun denn: die zweite Frage wenigstens läßt sich leicht beantworten. Weil das Blut eines ./Unschuldigen" im christlichen Ritus eine so ungeheure Rolle spielt, entsühnend und reinigend, lag dem primitiven Christen tler Gedanke nahe, daß die Juden einen ähnlichen Ritus haben müßten. Und es war dieser Gedanke logisch begreiflich, denn nur von Bekanntem kann der Mensch auf Unbekanntes schließen. Nichts aber ist dem Christen der primitiven Schichten so unbekannt wie der