Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Revolutionstalmudisten
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 229 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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UNSERE ZEIT 229 bürger, die die russische Revolution aus der Gesellschaft ausgestoßen und gleichsam zu Wesen niederer Art herabgewürdigt hat, kommen in der jetzigen Gesellschaftsordnung nicht einmal als Pogromobjekte mehr in Betracht. Sie haben ihre Gleichberechtigung auch vor dem Pogromtode eingebüßt und müssen sich schon mit dem wirtschaftlichen Ruin allein, der ihnen allerdings in unbeschränkter Weise zuteil wird, begnügen. Dagegen erfahren die klassenbewußten jüdischen Arbeiter, die die volle Gleichberechtigung genießen, die besondere Auszeichnung häufiger antisemitischer Überfälle und Verfolgungen durch ihre eigenen Klassengenossen, jene russischen Pogromromantiker, die ihre reaktionäre, judenfeindliche Gesinnung aus der Geistessphäre der ehemaligen ,»Schwarzen Hundert" in die dritte Internationale herübergerettet haben und sich von Zeit zu Zeit in kleinen antijüdischen Betriebspogromen üben. Die offiziellen Zeitungen der Sowjetunion, die russischen ebenso wie die jiddischen, haben eine ständige Rubrik für die Registrierung dieser revolutionsfeindlichen antisemitischen Exzesse eingeführt und es muß festgestellt werden, daß auch die russischen Behörden einen energischen und zielbewußten Kampf gegen den Betriebsantisemitismus, der sich auf staatlichem Boden breitmacht, führen. Diese aufrichtige Stellungnahme der russischen Regierung gegen den Neo-Antisemitismus, die in einem strafweisen Ausschluß der Exzedenten aus den staatlichen Betrieben klar genug zum Ausdruck kommt und die ihr zweifellos die Sympathien der Juden der ganzen Welt, auch der politischen Gegner, sichert, hat es aber bisher leider nicht vermocht, den judenfeindlichen Ausschreitungen in den staatlichen Betrieben und Unternehmungen, die immer kühner und regelmäßiger auftreten, ein für allemal ein Ende zu bereiten. In jüngster Zeit wiederholen sich die antijüdischen Betriebsexzesse in Schlüsselburg, Minsk, Stalingrad, Witebsk, Bobrojsk und in den staatlichen Kohlenbergwerken. Dort ereignete sich sogar der Fall, daß ein alter bolschewikischer Parteifunktionär in einer Betriebsversammlung der Grubenarbeiter, zu denen auch mehrere Juden gehören, eine Art von Bekenntnisrede hielt, in der er sagte: ,,Ich unterwerfe mich in vollem Gehorsam den Beschlüssen der Partei. Aber ich hasse die Juden und halte es für falsch, daß die kommunistische Partei die Veranstaltung von Judenpogromen verboten h a t." Ähnliche „Bekenntnisreden" teilt das russische Amtsblatt „Komsomolskaja Prawda" auch aus anderen Orten mit, wobei es mit aller Schärfe für einen erneuten rücksichtslosen Kampf gegen die Träger und Verschlepper der antirevolutionären antisemitischen Seuche eintritt. Einzig dem jiddischen Organ der Jewsekzia, deren rasend gewordene Revolutionstalmudisten von der bekannten tanaitisch-dialeklischen Formel „Ipcha mislabra" nicht loskommen können und die in ihrem umstürzlerischen Ubereifer alles von der verkehrten Seite zu nehmen geneigt sind, blieb es vorbehalten, für die Erscheinung des russischen Neo-Antisemitismus dessen Opfer verantwortlich zu machen und statt des Kampfes gegen die antisemitischen Strömungen innerhalb der russischen Arbeiterschaft eine Abwehr des — jüdischen Chauvinismus zu propagieren ... DIE SZENE WIRD ZUM TRIBUNAL Bei einer zu Ehren des Jerusalemer Direktors des Keren Hajessod, Leib JafTe, in Warschau veranstalteten Abschiedsfeier wurde der formelle Waffenstillstandsvertrag zwischen der Leitung und der Opposition des polnischen Zionismus unterzeichnet. Die Abschiedszene ward so zum Friedenstribunal und die zionistischen Sondergesinnungen des Präsidenten Levite und des Oppositionsführers Grünbaum, die jahrelang einen heftigen Kampf gegeneinander führten, wurden bis auf weiteres, zwecks Pazifizierung und Konsolidierung der aus den Fugen geratenen Organisation, vertagt. Die Leitung der Organisation wurde unter dem neutralen Vorsitz des alten Chowew-Zion S t a w s k i neu konstituiert und das zionistische Zentralkomitee Polens, das bisher ausschließlich aus neun Mitgliedern der Et liwnoth-Gruppe bestand, wurde durch neun weitere oppositionelle Vertreter aus dem radikalen und revisionistischen Lager ergänzt. Dieser Waffenstillstand, der in ganz Polen als historisches Ereignis gefeiert wurde und für dessen nicht unbegründete skeptische Beurteilung nur die wenigsten die Entschlossenheit aufbrachten, kam spät genug zustande. Denn die zionistischen Massen Polens, die ehemals an den Lebensfragen des Zionismus mit tatkräftiger Begeisterung teilgenommen haben, begnügten sich in letzter Zeit damit, das Spektakel dieses Ideenmatchs zwischen den zwei Monistischen Kampfgruppen als unbeteiligte Zuschauer zu erleben, das in Wahrheit zum großen Teil ein höchst persönliches Duell zwischen Grünbaum und Levite war.