Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1929)
- Article
- Juden sollen Bauen werden!
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 212 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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212 MENORAH sie unsere Chassidim in den langen Kaftanen erblickten, kräuselte ein Lächeln ihre wulstigen Lippen und sie fragten neugierig: „Guras, santos?!" (Priester, Heilige?!) Bald darauf traf auch der blonde Tiracini ein. Halb besollen und frech kommandierte er: „Je zwei in einer Reihe!" Uns packte große Erregung. Wie Soldaten auf dem Exerzierplatz reihte er uns Paar an Paar, und wenn es Abraham, dem „Höllenwärter" — ein Spitzname, den wir ihm wegen seiner Hagerkeit, Länge und fanalischen Frömmigkeit beilegten — nicht gelingen wollte, linealgerade in der Reihe zu gehen, versetzte ihm der angeheiterte Ingenieur einen derartigen Stoß mit der Brust seines Pferdes, daß der Bedauernswerte sich der Länge nach hinstreckte, während der Besoffene und die Wegweiser sich vor Lachen wälzten. Mir aber und vielleicht auch einigen anderen füllten sich die Augen mit Tränen. „Marsch!", kommandierte der Ingenieur, mit der Hand ein Zeichen gebend. „Auf!" halfen ihm die Wegweiser mit, und zwei ritten an der Tete, die beiden anderen an unserer Seite, und so bewegte sich die Karawane vom Fleck. Der besoffene Ingenieur raste auf seinem halbwilden Pferde, flog wie ein Pfeil an unserer langen Front vorbei und verschwand in den dichten Gräsern. Hinter unserem Rücken barg sich die Sonne in dem hohen Gestrüpp; sie glühte flammenloh und übergoß das ganze Feld wie mit Feuer. Die vier Spanier, unsere Treiber, deuteten mit ihren Händen nach Westen. „Ein Regen!" bemerkte ein älterer Dorf Jude, „heute Nacht wird's regnen." Einige lachten stürmisch, einer rief laut: „Es ist ja still und warm, eine Labsal! Kein Gräslein bewegt sich, keine Wolke ist sichtbar, woher sollte denn der Regen kommen?" „Dort, dort!" entgegnete der Alte und wies auf einen schmalen Wolkenstreifen, der wie ein schwarzes Seidenband am Himmelssaum sich hinzog. „Da habt ihr, Leute, einen frischgebackenen Astronom, einen Ghajim Selig Slonimski*)!" spottete der Kinderlehrer Schneur aus Dinwitz. „Wie gefällt euch dieser ländliche Sterndeuter? Machet Beine, Kinder! Wir werden, so Gott will, in unserer neuen Heimat noch eins trinken, bevor der Regen kommt!" Und wir schritten tüchtig aus, daß die Dornen und Gräser unter unseren Füßen knackten. (Fortsetzung folgt.) •) Bekannter jüdischer Astronom und Mathematiker, Begründer des hebräischen Tageblattes „Hazefirah".