Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1929)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 120 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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120 MENORAH Ich habe lediglich meine persönlichen Erinnerungen aufgezeichnet, sie sind wahrscheinlich mit allen Unzulänglichkeiten behaftet, die diese Art von Literatur besitzt: subjektive Einschätzungen, hin und wieder ein Irrtum in den Daten und Namen und ein Zuviel an „Ich". Dafür muß ich um Entschuldigung bitten, darf mich jedoch nicht verteidigen. Aber eine Seite meiner Memoiren will ich verteidigen. Schrieb ich die Wahrheit? Ja, nach meinem Gewissen. Schrieb ich die ganze Wahrheit? Nein, absichtlich nicht. Ich verschwieg eine ganze Reihe von Tatsachen, weil ich nicht glaube, daß jede Tatsache „wahr" ist im fundamentalen Sinne des Wortes. Eine große Sache hat Charakter, hat ein „Gesicht": das, was dem Charakter ihres Gesichts entspricht, gehört zur Wahrheit, dasv was im Gegensatz zu ihm steht, ist ein Zufall, ist eine Schramme, eine Narbe. Die schönsten Epopöen der Weitgeschichte besaßen derartige häßliche Flecken, Man kann tausend Häßlichkeiten von der amerikanischen Revolution, von Lincolns Bürgerkrieg, von Garibaldis Schlachten erzählen; und vielleicht soll man sie auch erzählen, aber nur in einem historisch-wissenschaftlichen Werke. Wenn man bloß den Höhepunkt einer Episode aufzeichnen will, deren Wert heute niemand mehr leugnen kann, wäre es krankhaft, im Schmutze zu wühlen, wiewohl Schmutz sich überall sammelt, wo Menschen sich versammeln. Ein gesundes Hirn greift bloß das Wichtige heraus; und wichtig ist das, was zum Hauptausdruck eines „Gesichtes" gehört. Ich muß gestehen, beim Durchlesen des Manuskriptes war ich oft selbst gezwungen, aufzulachen und mir zuzurufen: zu glatt und fein und süßlich sieht bei dir diese ganze Geschichte aus! Alle gut, alle tapfer wie Löwen, jeder, der dir half, ist rein wie ein Engel, ohne Arg und Fehl. Und hast du an die Demütigungen vergessen, die du gerade von jener Gruppe von Helden auszustehen hattest, denen du die größten Lobeshymnen gewidmet? Und während du in Dankbarkeit die Hilfe erwähnst, die dir einmal von dem einen oder anderen jüdischen Führer zuteil wurde, hast du da auch an seine zehn Seitenhiebe, an seinen zwanzigfachen Verrat vergessen? Das Gedächtnis ist eine autonome Maschine, zudem auch eine kleinliche. Es bleibt an winzigen Einzelheiten haften, namentlich an traurigen, und will ihnen nicht den Laufpaß geben. Dafür aber gab uns Gott einen Kontrollapparat, der sich Geschmack nennt.