Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1929)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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110 MENORAH und Winchester ihre Ausbildung genießen und dann nicht einfach nach Oxford oder Cambridge gehen, sondern ausschließlich nach bestimmten, achthundert Jahre alten, Colleges, wie Balliol oder Christ-Church — diese Kaste ist eine Welt für sich, sie sondert sich von allen ab, ist taub und überdies stolz auf ihre Taubheit, denkt heillos irreell und ist stolz auf ihre Verachtung für Wirklichkeiten. Wollt ihr eine genaue Parallele zu ihrem Geist? Dann nehmt das alte Ghetto. Andere Sitten, aber dieselbe Hypnose des Auserwähltseins, dieselbe Verachtung gegen die Außenwelt, dieselbe ablehnende Gebärde gegen jede neue Erscheinung. Zum Glück ist die Zeit, da diese regierende Kaste die Regierungsgeschäfte wirklich alleinherrschend geführt hat, schon längst vorüber. Heute haben diese Rolle zum großen Teile andere übernommen, breitere und mit stärkerem Leben erfüllte Kreise. Im Ministerkabinett und selbst in den bürokratischen Offices sitzen und walten oft Menschen, die einer anderen Gesellschaftsklasse angehören. Aber es gibt noch Gebiete der Verwaltung, die zu drei Vierteln in den Händen der „Kaste" bleiben. Besonders die Armee. Kitchener mit seiner Abneigung gegen „Fancy" war ein typisches Beispiel. Ebenso wie er haßten sie alle jede Sache, die an „Fancy" gemahnte, die nicht zweimal zwei war; wie zum Beispiel eine Offensive an der Orientfront oder der Zionismus. Nun vergegenwärtige man sich einmal eine solche militärische Atto-bechartonu-Gruppe mitten im Kriege an der Palästinafront. Plötzlich erhält sie den Befehl: Unterstützet den Zionismus; wir schicken Euch eine jüdische Legion und einen Waad Hazirim. Das konnte natürlich nur Empörung hervorrufen. Habt Ihr dort in London uns, den Palästina-Generalstab, um unsere Meinung gefragt, bevor Ihr diesen Entschluß in London gefaßt habt? Nein! Und derartiges paßt selbst einem Zivilbeamten in Friedenszeiten nicht. Dann kam der zweite Einwand: das ist doch „Politik", und überdies eine solche, die bei den Einwohnern jenes Landes, das Ihr uns zu „befreien'1 befohlen habt, sehr unpopulär ist. Wie könnt Ihr es dort in London nicht verstehen, daß „Politik", und namentlich diese Politik, in einem Kriege nur hinderlich sein kann? Habt Ihr nicht bis zum Kriegsende warten können, bis wir unsere Arbeit vollendet haben würden und erst dann mit Eurem „Fancy work" beginnen? Ich muß zugeben, daß diese Einwände selbst mir beinahe überzeugend klingen. Um so eher ihnen. Handelt es sieh doch um