Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1929)
- Article
- Eine italienische Reise
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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56 VI E N ü R A H Leichnam aus weißem Marmorstein, fahl, seine Augen sind erloschen, und über ihn gebeugt seine Mutter, zerrissene Augen und doch beseelte Hände zum himmlischen Vater erhoben. -~ — So haben Myriaden jüdischer Müller über den Leichen ihrer Kinder gelegen und waren doch stark im Glauben. Das war mein erstes Erlebnis als Jude in Italien. Am Abend hatten wir im Hotel Gäste, ein Logenbruder Dr. B., Expräsident der osmanischen Loge, der seit Jahren in Mailand lebt, an den ich von der Großlogc eine Empfehlung hatte, Professor C, und ein Freund desselben. Wir sprachen über die Juden in Italien, über die Freiheit, die sie in diesem Lande genießen, über die Gleichheit mit allen anderen Bürgern dieses Landes. Ihre Sonderstellung, die sie hier haben im Gegensatz zu der in anderen Ländern, beruh! zu einem Teil auf dem Zahlenvcrhältnis zur christlichen Bevölkerung. Wie ich schon beim Eingang meiner Ausführungen bemerkte, bilden sie im ganzen Land nur ein zehntel Prozent der Gesaintbcvölkeruiig. Eine statistische Erfassung nach dem Religionsbekenntnis ist schwierig, da die Beantwortung dieser Frage bei den letzten Volkszählungen nicht obligatorisch war und viele von dieser Freiheit Gebrauch gemacht haben, indem sie die betr. Rubrik der Zählkarte unausgefüllt ließen. Wenn man alle die, die von ihrem Judentum religiös keinen Gebrauch machen, nicht mitzählt, dürfte man gut 10 000 in Abzug bringen. Die Aufhebung der Ghettis hat den Juden nicht nur die persönliche Freiheit, die politische, die wirtschaftliche, die soziale Freiheit gebracht, sondern auch die, ihre religiöse Zusammengehörigkeit mit dem im Ghetto mit ihnen Verbundenen aufzulösen. Eine große Anzahl von Gemeinden mit früher regem jüdischen geistigen Leben sind zugrunde gegangen. In vielen Orten gehen sie einem sicheren Absterben entgegen und auch in denjenigen größeren Städten, in denen noch von früher her große Gemeinden, große Synagogen sind, ist das Interesse und die Anteilnahme in stetem Schwinden begriffen. In Mailand sind 900 000 Menschen, etwa 4000 Juden und davon wissen beinahe 3000 nicht, wo dem Juden die Sonne aufgeht. Mailand war ja, seit Vertreibung der Juden aus der Lombardei, seit den Zeiten der spanischen Vorherrschaft in Italien, kein jüdisches Zentrum mehr. Hier scheint es wirklich an Tradition zu fehlen, hier fehlt es, das kam in der Unterhaltung stark zum Ausdruck, an führenden Männern. „Wenn wir solche Menschen wie Prof. Elbogen, wie ihr in Berlin, hätten'* besonders von diesem Gelehrten wird in