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Menorah · 1929-01-01 · Heft 1 (Januar 1929) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 1 (Januar 1929)
Article
Leon Kellner
Date
1929-01-01
Page
Seite 4 (sequence 2)
Language
German
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4 M K N O H A H eine Arbeit, die ihn in die allererste Beihe der Kenner fies gruben englischen Dichtergenies hob. Auf seinem Sehreibtische liegen zehn Dramen druckbereit und zu den anderen die gesamten Vorarbeiten. Außerdem Vorarbeiten zu einer Geschichte der englischen Literatur in der Nachviktorianischen Zeit und einem zweiten Band der Geschichte der amerikanischen Literatur. Was uns allen Studium, mühevolle Arbeit ist, war ihm natürliche Funktion. Alan weiß etwas nicht, nun dann lernt man es, man holt Bücher und Dokumente, man liest, vergleicht und notiert, das ist doch einfach. Ein Buch Theodor ilerzls Lehrjahre", eine Materie, die ihn im tiefsten aufwühlte, schrieb er nach mühevoll eingeholten Dokumenten so nebenbei, und immer hatte er Zeit andere zu ermuntern, für andere zu arbeiten, zu raten, zu helfen, zu korrigieren. Als ich im Jahre 1924 aus der »Schweiz zurückkam, war seine erste Frage: Was schreiben Sie? Ich sprach von meinem Buche „Die Kunst als Jude zu leben". Der Mann, der für Honorar auf der Technik als Lektor dozierte, im Bundespräsidium die englische Korrespondenz besorgte, bei jedem englischen oder amerikanischen Besuche als Vermittler zugegen war, zweimal in der Woche auf der Volkshochschule Gratis- Vorlesungen hielt, der ruhte nicht, bis Pläne und Skizzen meines Buches vor ihm lagen. Schreiben Sie, arbeiten Sie", drängte er, ,,sonst mache ich das Werk, jeder Jude schreibt ein Bekenntnisbuch beeilen Sie sich.'1 Ich mußte last alle Kapitel vorlesen, ändern, vergrößern, seltener etwas streichen und immer wieder in Bibliotheken untertauchen, um alles, was ich behauptete, ihm und den künftigen Lesern zu beweisen. Unsere schönsten Stunden verlebten wir am Sabbath, den er seit seiner Pensionierung nützte, um Bibel und Talmud zu studieren. Nach etwa 50 Jahren kehrte er zur Liebe seiner .lugend zurück und rühmte mit Stolz, daß er wieder imstande sei, ein Blatt Gern arah zu lernen. Das Kapitel Talmud in meinem Buche mußte ich dreimal vergrößern und ändern, bis es ihm genügte. Versteht nun der geehrte Leser, warum ich mich eines Werturteiles über diesen seltenen Mann enthalten muß und enthalten kann? Er durfte sich in seiner Wissenschaft nie vollständig frei entwickeln, weil er über die Lnge, die uns alle einschließt, trotz seines nach und nach errungenen Weltrufes in der Fachwelt an ein Ordinariat in Wien nicht denken konnte, wie er mir eingestand. Kr war keine Kamplnatur, er litt schwer, eine Zeitlang auch unter jüdischen Angriffen, aber er liebte es nicht, von sich sprechen zu machen. Lrst vor wenigen Jahren wurde der Bann von ihm genommen, der ihn hinderte, öffentlich über Zionismus zu sprechen oder zu schreiben. Man hatte ihm als aktiven Beamten im Unterrichtsministerium einen Wink gegeben, ihm, der seinen einzigen Sohn als Landwirt für Palästina auf deutschen Fachschulen erzogen hatte, daß Lehrer politisch enthaltsam sein sollen. Wir, seine Freunde, kannten Viktors Viehstand, jede neue Pflanze, jede Erstlingsfrucht und alles durch gute Aufnahmen reich illustriert. Die Tochter eines preußischen Kaufmannes in Deutschland zur Landwirtschaft gegangen, diente bei einer FVeundin in Palästina als Chaluzah und ist nun als stolze Frau Kellner Mutter zweier Knaben, so drall und schön, wie sie .in Palästina zu gedeihen pflegen. Viktor hat auch eine Oiangenpflanzung angelegt. Leon Kellners höchster Wunsch war in drei Jahren die ersten Orangen im Garten seines Sohnes aufleuchten zu sehen. Er hat es nicht erlebt. Alle Zeitungen druckten ausführliche Nekrologe für den Mann aus Tarnow, der sich Nachrufe an seinem Sarge verbeten hatte. Auch darum kein Wort des Lobes. Dieses Leben und Wirken spricht lauter und dauernder als der geübteste Rhetor es vermöchte. Nur das sei gesagt: sein umfangreiches Weissen gehörte der Welt, sein Merz, dem jüdischen Volke. //. York-Steiner.

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