Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Regensburger "Ritualmordprozeß" 1476 - 1480
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 677 (sequence 13)
- Language
- German
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DER REGENSBURGER RITUALMORDPROZESS 677 Feltre, Nicolaus Cusanus, und schließlich auch Bischofs Heinrich den Blick von der eigenen Verkommenheit ab-, und auf die Ungläubigkeit der Juden hingelenkt. Es war vom Kaiser nicht zu verlangen, daß er soviel Mut besaß, die öffentliche Meinung zu brüskieren. Aber dieser Mangel hat bewirkt, daß die Motive seines Verhaltens in der Judensache undeutlich bleiben und skeptisch beurteilt wurden. Diese Auffassung von den Motiven Kaiser Friedrichs hat durch die vom Kaiser angewandte Taktik eine Stütze bekommen. Der Kaiser hat jene einfachste einzig ehrliche und ganz durchgreifende Argumentation von der Unschuld der Juden beiseite gelassen und statt dessen nur Argumente vorgebracht, die unberechtigt waren. Er hat der Krone Bayern» ihre seit gerade 150 Jahren bestehenden Pfandrechte an den Regensburger Juden mit ganz erkünstelter Begründung angefochten, und ebenso unberechtigt war seine Behauptung, daß die Stadt Regensburg die Gerichtsbarkeit über die Juden nicht besäße, weil sie „kaiserliche Kammerknechte" seien. An diesen beiden Punkten hat sich dann auch der Widerspruch des Herzogs und der Stadt kristallisiert, und die Prozeßakten machen es als überaus wahrscheinlich, daß bei aufrichtigerer Taktik des Kaisers alle Teile, mit Einschluß der Juden, besser weggekommen wären. Die Mißdeutung seiner Motive wirkt bis in die heutige Geschichtsliteratur nach. Fast überall wird betont, daß er den Juden nur aus Habsucht Beistand geleistet habe, und nur sein mehrfaches Eingreifen zugunsten gefangener Juden an anderen Orten und ohne materielle Vorteile beweist, daß diese Auffassung von den Motiven des Kaisers einseitig ist. Ueber die wirklichen Motive des Kaisers können wir hier nicht sprechen; wir kämen damit zu weit in die Reichsdeutsche Geschichte hinein. Die vielen „Hunde über einem Knochen": Nach der Vertreibung der Juden fielen sie übereinander her. Die Stadt, die mit der Reformation liebäugelte, zankte sich mit dem Klerus, und fast wäre dieser gleich den Juden aus der Stadt verwiesen worden. Die Stadt zankte sich auch mit dem Herzog und der Kaiser blieb gegen alle im Hintertreffen und hat sich nie wieder erholt. Den Knochen hat allein das Haus Oesterreich behalten, dem noch Jahrhunderte nach der Vertreibung der Juden die Stadt R. die Judensteuern zahlen mußte. Nur selten sind uns über einen Ritualmordprozeß und über die Begleitumstände so viele Nachrichten überliefert, wie über diese Regensburger Ereignisse des 15. Jahrhunderts. Diese Fülle mag entschuldigen, daß im vorstehenden so vieles berichtet wurde, und doch so viel anderes verschwiegen werden mußte.