Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Regensburger "Ritualmordprozeß" 1476 - 1480
- Date
- 1928-11-01
- Page
- 665 (sequence 1)
- Language
- German
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Raphael Straus Der Regensburger „Ritualmordprozeß" 1476-i48o Die rückhaltlosen Ausbrüche menschlicher Leidenschaften sind in unseren Zeiten hochentwickelter Polizei und Rechtspflege selten geworden. Es hat schon eines Weltkrieges bedurft, um uns daran zu erinnern, daß es nicht immer so war. Darum stehen wir alle den spezifischen Eruptionserscheinungen des sog. „finsteren Mittelalters" mit Verlegenheit gegenüber. Man braucht nur an die Hexen- und Ketzerprozesse zu denken. Den Ungelehrten erfaßt Grauen, wenn er davon hört, und der Gelehrte — weiß zwar mehr von den einzelnen Ereignissen — aber verständlich sind uns allen diese Eruptionen nur in sehr geringem Maße. Das ist wohl auch der Grund, warum unser Blick immer wieder von ihnen angezogen wird. Wenn wir an die für uns Juden nächstliegende Erscheinung dieser Art denken — den „Antisemitismus", wie man seit 50 Jahren eine Anzahl von Lebenserscheinungen nennt, die früher keinen solchen Sammelnamen hatten —, dann sehen wir, daß immer wieder unsere Gedanken sich dorthin wenden, und im Bemühen um Verständnis, Definitionen zu formulieren versuchen. Man denke an Constantin Brunner; zuletzt hat Arnold Zweig sogar psychoanalytische Gedanken geglaubt bemühen zu müssen. Es sind meistens — wenn auch nicht immer — die Ungelehrten, d. h. außerhalb der wissenschaftlichen Zunft stehenden, die diese Erscheinungen durch philosophische Betrachtung verallgemeinern, sublimieren und damit manchmal der das Verständnis erleichternden Lebendigkeit entkleiden. Umgekehrt beschränken sich die meisten wissenschaftlichen Darstellungen „antisemitischer" Ereignisse auf Tatsachenberichte, die eher das Wissen als das Verstehen fördern. Selten hat man versucht, einen dritten Weg zu gehen: nämlich diejenigen Tatsachen reden zu lassen, die den Ereignissen voraufgehen oder sie als Nebenumstände begleiten, wie das Symptom die Krankheit. Diese Nebenumstände, die für das Verständnis so wichtig sind: der Gelehrte verschmäht sie, weil sie ihm zu exzentrisch liegen und der Ungelehrte verschmäht sie als Aeußerlichkeiten. Wir wollen nun, weil das so selten geschehen ist, im folgenden gerade diesen Nebenumständen unsere Aufmerksamkeit schenken. Die Reichsstadt Regensburg, die den Hintergrund der Ereignisse von 1476—80 bildet, war bis ins 15. Jahrhundert eine der größten deutschen Städte, ehemals königliche und herzogliche Residenz, an der Kreuzung nord-südlicher und ost-westlicher Handelswege gelegen (von Italien nach Deutschland, von den Slavenländern nach dem Westen), eine Stadt voller Bürgerstolz und vieler Bürgertugend.