Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Die Juden in München
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 664 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912890-2922831--07251-2922986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
664 MENORAH Kurfürsten Max Emanuel ein Ausweisungsdekret erlassen: binnen 24 Stunden mußten die Unglücklichen die Stadt räumen und fast ihre ganze Habe zurücklassen. Dies sollte die letzte Vertreibung gewesen sein. Es ist begreiflich, daß die Juden bald danach trachteten, in der Landeshauptstadt wieder zugelassen zu werden, und während des 18. Jahrhunderts sehen wir nun eine langsam fortschreitende Einwanderung von Juden in München. Von acht Familien mit 17 Köpfen, die sich im Jahre 1728 vorfinden, wächst die Gemeinde auf 35 Familien mit 216 Köpfen, die 1798 verzeichnet werden. Seit 1763 bestand auch eine Betstube im Tal Nr. 13 ,im Hause der heutigen Mohrenapotheke. Auch in dieser Zeit waren sie noch unter manche schwere Bedingung gestellt; so bestand noch der Leibzoll, der erst im Jahre 1805 aufgehoben wurde, immer noch standen die Juden unter besonderen Gesetzen. Die Zeit aber war reif geworden für eine grundlegende Aenderung. Nicht umsonst hatte die Aufklärung die Geister wachgerüttelt, und wenn auch mancherlei Einflüsse dem Fortschritt sich hindernd in den Weg stellten, so konnte es nicht ausbleiben, daß auch den Juden mehr Freiheiten winkten, daß die Ausnahmegesetze, unter denen sie litten, fielen, wie denn auch seit 1800 in München grundsätzlich nichtkatholische Christen zugelassen wurden. Schon seit dem Ende dieses Jahrhunderts wollte man eine neue Judenordnung erlassen, und 1802 sprach der Kurfürst Max Joseph in einer Verfügung den Willen aus, „diese unglückliche Menschenklasse" nicht mehr zu verbannen und ihnen „eine solche Einrichtung zu geben, durch welche sie allmählich zu nützlichen Staatsbürgern erzogen würden". 1805 wurde tatsächlich eine „Anordnung über Erteilung des Judenschutzes" erlassen, in deren Verfolg 72 jüdische Familien die formelle Aufenthaltserlaubnis erhielten und in die Judenmatrikel eingetragen wurden. Im Jahre 1813 endlich erschien, nachdem die Emanzipation der Juden durch das Edikt Josephs IL, durch die Judengesetzgebung Napoleons und durch entsprechende Gesetze in deutschen Ländern wichtige Fortschritte gemacht hatte, das Judenedikt in Bayern. Wenn ihm auch gewichtige Mängel anhafteten, müssen wir doch mit seinem Inkrafttreten den Anbruch einer neuen Zeit datieren. Insbesondere für die auf Grund des Ediktes neu gebildete Gemeinde München bricht eine Zeit des ununterbrochenen Aufstieges an, dessen erste äußere Kennzeichen die Errichtung des Friedhofes an der Thalkirchner Straße im Jahre 1816 und der Synagoge in der Westenrieder Straße in den Jahren 1824—26 sind, eines Aufstieges, der das ganze 19. Jahrhundert andauerte und sich mit Gottes Hilfe in diesem unserem Jahrhundert fortsetzen wird.