Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Dschungeljuden
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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578 MENORAH ren auf unserem schnellen Dampfboot eine ganze Nacht und tief in den heißen Vormittag hinein gegen die kräftige Strömung, ohne einem einzigen menschlichen Wesen zu begegnen. Meile auf Meile zog sich der dichte grüne Dschungel an beiden Ufern des gelben Flusses hin. Hie und da sprang mitten im Flusse ein Fisch; ein Keil grüner Papageien flog in der Richtung zum Meer; irgendwo in der grünen Einsamkeit kreischte und jammerte ein Trupp roter Brüllaffen. Die Sonne stach. Schließlich zeigte sich Nassis Eiland nach einer Biegung des Flusses, ein steiles, kleines Vorgebirge, wie ein Kap. Das Boot landete im schwarzen Schlamm des östlichen Ufers. Die spärlichen Besucher haben einen undeutlichen Weg vom Flusse herauf ausgetreten. Diesem folgt man durch das schimmernde grüne Dunkel des Dschungels. Hie und da bricht man Zweige ab, um den Rückweg zu markieren. Die Schatten sind tief, die Dornen stechen. Nach einem Kilometer etwa sieht man durch das Buschwerk etwas Weißes flimmern. Man drängt vorwärts, bricht durch die Büsche und steht vor dem alten Friedhof des Kahal Kadosch Berachah we Schalom, der „Heiligen Gemeinde des Segens und des Friedens". Von Flechten überwachsene Marmortafeln mit den stolzen Reihen hebräischer Schriftzeichen künden noch deutlich Namen, Daten, Schicksale. Ein unheimlicher weißer Engelsflügel reckt sich aus dem Stamme eines starken Baumes, der alles übrige von dem offenbar groß angelegten Denkmal verschlungen hat. Einzelne Bruchstücke von Ziegel und Marmor liegen zerstreut. Selbst ein Jahrhundert tropischer Flora hat die Spuren der ersten jüdischen Gemeinde in der Neuen Welt nicht auslöschen können. Niemand hat sich je die Mühe genommen, die Steine zu zählen oder die alten Inschriften zu lesen. Ich konnte sie nicht verzeichnen, denn ich bin des Hebräischen nicht kundig. Nicht weit entfernt steht die Synagoge, bloße Schale vergangener Herrlichkeit. Das Ziegeldach ist eingefallen, die Wände sind durch die Schlingpflanzen des Dschungels gesprengt und zerfressen, wie von einer Beschießung. Ein großes eisernes Schloß liegt auf einem Haufen Schutt, der einst ein steinerner Hund gewesen sein muß. Aber der Grundriß des edlen Gebäudes ist noch deutlich, wenn auch halb im Busch verborgen. Ueber allem liegt noch eine weihevolle Stimmung, der Geist einer stolzen, starken Stadt, die tapfer zu ihrem Gotte emporstrebte.