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Menorah · 1928-10-01 · Heft 10 (Oktober 1928) · p. Seite 568

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 10 (Oktober 1928)
Article
Die Geopferten
Date
1928-10-01
Page
Seite 568 (sequence 2)
Language
German
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568 MENORAH Dr. Traumann sah, daß seine Frau sich sehr krank fühlte. Ihr immer so volles, rotbackiges Gesicht sah unwahrscheinlich fremd und gespensterhaft aus mit seinen schmalen, blassen Wangen, den matten, tiefliegenden Augen. Er beschwor sie, einen Arzt zu Rate zu ziehen. Er machte ihr flehentliche Vorstellungen und in der Erregung seiner Besorgnis bitterste Vorwürfe. Sie habe sich noch nie von einem Arzt untersuchen lassen, sagte sie. Uebrigens könne ihr kein Arzt helfen; sie wisse sehr wohl, welche Ursache die Krankheit habe. Und als er in sie drang, ihn doch nicht mit geheimnisvollen Andeutungen zu quälen, sondern lieber offen alles zu sagen, — da brach sie in Schluchzen aus und flehte ihn an, ihr zu versprechen, daß er das Kind nicht taufen lassen würde, falls sie es lebend zur Welt brächte. Er geriet in Raserei über solche „abergläubische Borniertheit" und sprach von da ab kein Wort mehr über diese Dinge. Er hoffte, daß ihr Befinden und auch die seelische Depression nur ihrem Zustand zuzuschreiben sei und hielt, da er sich ja wehrlos sah, jede Vermutung einer andern Möglichkeit gewaltsam von sich fern. Ihr Leiden aber wurde immer schlimmer. Dennoch wirtschaftete sie unermüdlich wie immer im Haushalt, ließ sich nicht die geringste Erleichterung gefallen. Dabei wurde sie von Tag zu Tag schwächer und man sah ihr an, daß sie Schmerzen litt. Manchmal vergaß sie tagelang zu essen oder es widerstand ihr so, daß sie aus dem Zimmer gehen mußte, wenn andere aßen. Einmal, als sie aus einer Ohnmacht erwachte, bekam sie einen Weinkrampf, weil der kleine Kurt nicht zu Hause war. Sie schleppte sich trotz ihrer Schwäche zur Schule und war erst wieder ruhig, als sie ihn gesund und wohlbehalten sah. Sie machte sich Vorwürfe, ihn vernachlässigt zu haben, obgleich sie Tag und Nacht keinen andern Gedanken kannte als ihn. Erst zuletzt, als diese Ruhelosigkeit einer matten Erschlaffung wich, ließ sie es geschehen, daß der Arzt kam und widersprach seinen Anordnungen nicht mehr. „Wie ist es nach dem Sterben?" fragte Kurt Traumaim den Katecheten in der Religionsstunde, und alle Kinder sahen verwundert auf den Knaben, der es wagte, mitten im Vortrage des Geistlichen aufzustehen und ihn mit einer Frage zu unterbrechen. Jeden andern hätte ein Donnerwetter darüber belehrt, wie er sich hier zu benehmen habe, aber Kurt war der erklärte Liebling des Katecheten. „Kommt man sogleich wenn man stirbt, in die Hölle?" fragte Kurt und sah erwartungsvoll auf.

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