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Menorah · 1928-10-01 · Heft 10 (Oktober 1928) · p. 567

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 10 (Oktober 1928)
Article
Die Geopferten
Date
1928-10-01
Page
567 (sequence 1)
Language
German
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DIE GEOPFERTEN Von Oskar Baum. chon bei Geburt seines Kindes, in dem Augenblick, da er erfuhr, daß es ein Knabe war, stand es bei Rechtsanwalt Traumann fest, daß er sich und das Kind taufen lassen würde. Es erschien ihm ganz selbstverständlich, eine Pflicht dem Kinde gegenüber. Zu seiner größten Verwunderung stieß er bei seiner Frau auf leidenschaftlichen Widerstand. Er erklärte ihr vergebens, welche Schwierigkeiten im beruflichen und gesellschaftlichen Leben dem Knaben erspart würden, welche unschätzbaren Vorteile es ihm in jeder Beziehung bringen würde und daß doch nur ein veraltetes Vorurteil zu überwinden sei — sie ließ keinen Grund gelten. Es zeigte sich eben hierbei wieder, was er in seiner jungen Ehe sehr bald eingesehen hatte, daß er bei der Wahl seiner Braut, von deren jugendlichen Frische und Schönheit befangen, nicht bedacht hatte, wie wenig sie, die auf einem Dorf aufgewachsen, seine großzügigen Bestrebungen und seine geistigen Interessen teilen konnte. Doch er liebte sie auch mit ihren Schwächen, die sie ja nie verborgen oder beschönigt hatte. Er war ein guter, sanfter Mensch. Aber eben darum waffnete und panzerte er sich mit allen Gründen seiner überlegenen Weltkenntnis und Denkgewandtheit und war unbedingt entschlossen, in wichtigen Dingen niemals den rückständigen Ansichten seiner Frau irgendwelche Opfer zu bringen. So wartete er denn auch nur einige Jahre, während welcher sie ja Zeit hatte, sich mit dem Gedanken auszusöhnen und ließ den Knaben, kurz vor seinem Schuleintritt, in die katholische Kirche aufmehmen. Sie gewöhnte sich denn auch allmählich an die vollzogene Tatsache, duldete die Kruzifixe und Heiligenbilder in ihrer Wohnung, sagte kein Wort, als eines Morgens die Mesusa vom Türpfosten entfernt war und ließ die regelmäßigen Besuche des Pfarrers, über sich ergehen, der übrigens ein sehr lieber alter Herr war und es lächelnd übersah, wenn die junge Frau ihm, zumal anfangs, mit offener Feindschaft ohne Gruß begegnete, oder während seiner Anwesenheit unsichtbar blieb. Aber als sie einige Jahre nachher wieder guter Hoffnung war, kam eine unfaßbare, beklemmende Unsicherheit in diese Verhältnisse. Eine unbestimmte drohende Schwere lag auf ihrem Gemüt und sie wurde zerfahren, ratlos und ungeduldig.

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