Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Die Juden Mesopotamiens
- Date
- 1928-09-01
- Page
- 537 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE JUDEN MESOPOTAMIENS Ihre soziale und politische Gegenwart Von Wolfgang Weisl Um die Rolle der Juden in Mesopotamien zu verstehen, muß man sich das Bild der politischen Mißgeburt, welche unter dem Namen „Königreich Irak" an Stelle des alten Babylon getreten ist, vor Augen halten. In einem Lande von nahezu zwei Dritteln der Bodenfläche Deutschlands (370.000km2) leben bedeutend weniger als 3 Millionen Menschen, also weit weniger als in Berlin). Von diesen sind, nach Nationalitäten geordnet: 1,900.000 Araber (dar. ca. 1,300.000 Schiiten), 500.000 Kurden, 200.000 Perser, 90.000 Juden, 70.000 Chaldäer, 10.000 Armenier, Europäer und sonstige Christen, 50.000 verschiedene nationale Minoritäten (Teufelsanbeter, Parsen, Mandeer), 30.000 bis 40.000 Türken, zusammen also zwischen 900.000 und 1 Million nationaler Minoritäten, die mit den Arabern, die ihnen zahlenmäßig um knapp das Doppelte überlegen sind, sehr wenig freundschaftlich zusammenleben. Die Lage wird nämlich dadurch kompliziert, daß die großen Minoritäten (Kurden und Perser) ein nur negatives Interesse am Staate Irak haben. Die Kurden arbeiten mit englischer Unterstützung und direkter Ermunterung daran, sich ein autonomes nationales Gemeinwesen zu schaffen, dessen kulturelle und administrative Entwicklung den Neid der noch unter türkischer und persischer Herrschaft lebenden Kurdenstämme erwecken soll. So kommt es. daß zum Beispiel im letzten Jahre die irakesische Regierung sogar ein kurdisches Gymnasium (mit Kurdisch als Unterrichtssprache!!!) einrichtete, daß die arabischen Beamten des wilden Kurdistan Prüfungen in Kurdisch ablegen müssen, daß aber zugleich den Kurden versprochen wird, daß tunlichst bald alle Beamtenposten ihres Landes mit kurdischen Männern besetzt werden sollen. Da nun die Kurden das einzig wirklich brauchbare Kriegerreservoir darstellen — mit geringen Ausnahmen, wie zum Beispiel den kriegstüchtigen sogenannten Sumpfarabern des Schalt El Arrat — so versteht man schon die eine Schwierigkeit des neuen Staates: der kriegerischeste Teil der Bevölkerung ist sprachlich, rassisch und sogar religiös von der großen Mehrheit verschieden, die aber dennoch von ihm abhängt. Die Gefahr, die darin liegt, ist eine doppelte: wenn die Kurden mit der Türkei kokettieren, wäre der Irak verloren; wenn umgekehrt die englische Politik, die ihnen beibringt, daß sie ihr eigenes Staatswesen bilden können, und die dadurch die Sympathien der kurdischen Stämme der Nachbarstaaten gewinnen will, Erfolg hat, dann werden die Kurden zu einer allmählichen LoslÖsung vom Irak ermutigt. Eine zweite Gefahr droht von den 200.000 Persern. Die persische Sekte der Schia hat ihre größten Heiligtümer im Irak, zwischen Bagdad und Basra. Alljährlich wandern deshalb Tausende von Pilgern aus Persien nach dem Irak, alljährlich werden Tausende von Leichen aus Persien nach dem Irak gebracht, um hier an heiliger Stätte begraben zu werden. (1926 kamen 25.000 persische Pilger und über 5000 persische Leichen nach dem Irak!) In Begleitung der Pilger kamen Händler, kamen persische Stämme, bis allmählich deren Zahl auf 200.000 anwuchs. Solange Persien ein armseliger, schwacher Staat war, spielte die Anwesenheit dieser Fremden keine Rolle für den Irak. Doch in den lelzten zwei Jahren entwickelt der persische Schah Riza aggressive Tendenzen nach dem Irak zu, dessen Regierung er nicht anerkannt hat, und niemand weiß, ob nicht