Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 536 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912888-2922528--07020-2922628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
536 MENORAH Gruppe abseits vom Wege: ein Türke auf dem Boden, vor ihm ein Soldat, einer der grusinischen „Schwilis", der ihn in türkischer Sprache anschreit. „Wer hat geschossen?" Der „Schwili" meldet: „Dieser Türke da will nicht weiter, er ist zu schwach, will auf dem Wege sterben." Er habe versucht, ihm mit Beduinen und Schakalen Angst einzujagen, aber es half nichts. Da habe er in die Luft geschossen und gesagt: „So werde ich dich erschießen, wenn du nicht weitergehen wirst." Auch das habe nichts geholfen, „Ruft vier andere Türken und befehlet ihnen, den Kranken zu tragen", sagte der „Padre". Der „Schwili" entgegnet kurz und sachlich: „Sie werden ihn in der Dunkelheit irgendwo liegen lassen." Indes wir so sprachen zieht die Kolonne weiter, und ich sehe jetzt die Deutschen kommen. Wir wählen unter ihnen vier Leute aus, die stärker als die anderen zu sein schienen. Der „Padre" notiert sich ihre Namen, und sie müssen den Türken bis nach Jericho schleppen. In jener Stunde dachte ich viel nach, als ich hinter dieser Herde von zerbrochenen, betrogenen Menschenkindern still einherzog. Vor kurzer Zeit noch galten sie hier als der Schrecken der Welt; und es ist doch bloß Zufall, daß ihnen, nicht uns, nun das Los zufällt, sich entwaffnet in die Gefangenschaft zu schleppen. Ich habe in jener Nacht viel zu mir selbst gesprochen, aber es lohnt sich nicht, es zu erzählen, denn jeder kennt die Gedanken, die in einem Juden in einer solchen Nacht wach werden — einem Juden, der in Deutschland, in Wien, in Konstantinopel gelebt und dieselben menschlichen Ruinen an der Arbeit, bei ihren Tänzen, an der Seite ihrer Mädchen im Prater gesehen hatte. Heute, da man mich einen „Militaristen" nennt, erinnere ich mich oft jenes Marsches jenseits des Jordan. Vielleicht im Schatten jenes Berges Nebo, wo Moses unter Gottes Kuß starb. Grausam ist das Leben eines Volkes; schwer in der Wüste zu wandern; bist du zu schwach, weiterzugehen, dann leg dich hin und stirb; denn die große Weltarmee, die unverdient den Namen „Menschheit" trägt, ist nicht eine jüdische Legion mit einem mitleidsvollen „Padre", und niemand wird dich nach Jericho tragen. Geh so gut du kannst, grausam dir selbst und anderen gegenüber, — oder stirb und mit dir stirbt all' deine Hoffnung. (Fortsetzung folgt.)