Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Ein Vorurteil
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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512 MENORAH nannte. Dann begann er, während er die Wunde mit der in Wein getauchten Watte bedeckte, eine seltsame, wilde Hymne zu singen und sagte schließlich den Namen des Kindes. In diesem Augenblick geschah ein Wunder. Während der ganzen Operation hatte Khemais in einer Ecke des Zimmers gestanden und starr auf seine Schuhe geblickt. Als Bessis aber die Stimme erhob und das Wort „Abraham!" aussprach, da hörte man ein krampfhaftes Schluchzen: Khemais Madar weinte. Er weinte, ohne sich zurückzuhalten, ohne sich zu schämen, und öffnete endlich den übermächtigen Kräften, gegen die er vergeblich gekämpft hatte, einen Weg. So befreite, so entfesselte er den Dämon der Rasse. Dem Schluchzen Khemais klang jenes der unfruchtbaren Rebekka entgegen, die auf allen vieren unter dein Lehnstuhl stöhnte. Aber wenn die Frau vor Kummer weinte, so weinte Khemais vor Freude. Rahil streckte ihre Arme nach ihm aus, und sie hielten sich lange umschlungen. Die Anwesenden schrien durcheinander und zerdrückten die Myrtenzweige, damit ihr Duft verströme. Mutter Nakasche verschwand, um den kleinen Aschentopf und die Überreste des Opfers zu verbergen. Solche Dinge soll man den Händen Übelwollender entziehen. Einen Augenblick lang gab es einen frohen Tumult. Ein Glas Bukha ging von Mund zu Mund. Man verteilte Mandeln, Feigen, Datteln und getrocknete Weintrauben. Ehe ich ging, nahm ich Khemais beiseite, um ihm die Hand zu drücken. Er sah mich mit Augen an, die vielleicht vor Glück, gewiß aber vor Erleichterung glänzten. ,,Da ist nichts zu machen," sagte er. „Es ist eben stärker als ich!" Und er fügte ganz leise hinzu: „So werde ich wenigstens meine Ruhe haben." Er hat seine Ruhe und ist der einsichtigste aller Besiegten. Bald wird er auch Nakasches auf ihrem eigenen Gebiete schlagen. Man hat den Fukan-Cohen, das heißt, den fiktiven Loskauf des Erstgeborenen von einem der Mitglieder der Sippe Cohen gefeiert. Der kleine Abraham wird vielleicht Rabbiner werden. Khemais selbst aber hat den Weg der Weisheit betreten. Er raucht am Samstag nicht, er weiß nicht mehr, wie Schinken schmeckt, er zerreißt seine alten Kleider, wenn ein Madar die Seele aushaucht, er besucht die Synagoge und ist kürzlich einem zionistischen Verein beigetreten. Um diesen Umschwung zu rechtfertigen, hat er tausend Gründe entdeckt. Er setzt sie mir gern auseinander und ich lasse mich vollkommen davon überzeugen. Aus Georges Duhamel: Prinz Dscha ffar. Mit Genehmigung des Rothapfel-Verlages, Zürich