Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 479 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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VOM NIL ZUM JORDAN 479 nach einer Nachtarbeit ausgeruht hatte, verteilte der Sergeant die Süßigkeiten. Ich muß vorausschicken, daß wir alle in einem Hause leben — der Sergeant und ich in dem zweiten Stock, die Soldaten in drei großen, um den Hof liegenden Zimmern. Von den türkischen Stellungen sieht man bloß unser Dach; also erlaube ich den Soldaten, im Hof zu sitzen. Sie spielen meist Karten — ich will hoffen, nicht um Geld, da es verboten ist. Heute saßen sie auch wie immer in den schattigen Ecken des Hofes, aßen ihre Weintrauben und spielten irgend ein Spiel, als der Türke plötzlich eine ganze Symphonie von Geschützmusik über uns ertönen ließ. Obwohl das nur selten bei Tag passiert, so kennen wir im allgemeinen seine Artillerie zur Genüge: sie schießt ja immer auf jenen hohen Berg rechts vom Lager, wo es keine lebendige Seele gibt. Ich las mein Buch weiter und die Boys im Hofe ließen sich auch nicht stören. Aber fünf Minuten darauf tritt der Sergeant in mein Zimmer und sagt: „Sir, ich befürchte, daß das gerade uns gilt, der Klang hört sich anders an als sonst; sie schießen sich auf Abuein ein.'" Und in der Tat, die zweite Granate explodiert bereits fast im Dorfe. Ich bücke mich zum Fenster hinaus und befehle den Soldaten: ..Decken"! Sie hörten selbst was los war, aber man unterbricht nicht gern das Spiel, um sich wieder in die luftlosen arabischen Dorfzimmer zu verkriechen. Langsam und verdrossen entfernen sie sich auf meinen neuerlichen Befehl, mit den Karten, Weintrauben und Strudelschnitten in den Händen. Wir warten, jede fünf Minuten folgt ein Schuß, fällt allzu rechts, dann viel zu links und wieder rechts nieder . . . Virtuosen sind sie wohl nicht im Schießen", meint der Sergeant. Er steht beim Fenster; plötzlich schmunzelt er und winkt mir zu. Ich gehe ans Fenster und sehe in den Hof. Vier unserer Londoner Boys sitzen wieder unter freiem Himmel, in ihre Karten und in ihren Strudel vertieft, aber sie sitzen in einem Winkel, den man schwer von meinem Fenster aus beobachten kann und sprechen still. Plötzlich hebt einer den Kopf und sagt auf jiddisch: ,,Dcr Offizier kann uns doch sehen." Und gerade in diesem Augenblick explodiert eine Granate, jetzt ohne Zweifel schon in Abuein selbst, nahezu hundert Schritte von uns. Und ich sehe, wie drei von den Spielern die Köpfe heben, aber dennoch sitzen bleiben; der vierte wendet sich nicht einmal um, schlägt die Karte des Gegners und entgegnet trällernd, in der Art vertiefter Kartenspieler: ,.IIob-ichihm-in-d'r Erd. . ." Ich hoffe, es gilt dem Schuß, nicht mir; allerdings schneide ich eine böse Miene und treibe die Verbrecher wieder in die Deckung. Aber im Herzen bin ich stolz auf meine Schneider. . (Fortsetzung folgt.)