Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Gorki und Andrejew über Antisemitismus
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 420 (sequence 2)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
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420 MENORAH und sanft zu ihnen zu sein; das macht mir dann Lust, ihnen hübsche jüdische Witze zu erzählen, in denen ja stets die Klugheit der Juden ruhmredig und großsprecherisch hervorgehoben wird. Aber ich verstehe keine Witze zu erzählen, und ich befinde mich in einer schwierigen Lage den Juden gegenüber. In ihren Augen bin ich doch mitschuldig an ihrem unglücklichen Dasein. Wie kann ich mich einem Juden gleichstellen, für den ich ein Verbrecher, ein Verfolger, ein Progromheld bin?" „Dann hättest du nicht in diese ,Gesellschaft' eintreten sollen! Weshalb willst du dir selbst Gewalt antun?" „Wenn man sich aber schämt! Du sagst ja selbst, man muß sich schämen! Und schließlich ist der russische Schriftsteller doch nun mal verpflichtet, Liberaler zu sein, Sozialist und Revolutionär — weiß der Teufel was noch. Alles, nur nicht er selbst!" Lächelnd fügte er hinzu: „Auf diesem Wege ging aiich mein lieber Freund Gorki, und nun steht sein ehrwürdiger Stuhl leer. Sei nicht bös!" „Sprich ruhig weiter." Er goß sich starken Tee ein und begann, in der offenen Absicht, mich zu kränken, mit harten Worten das große, finstere Talent Iwan Bunins herabzusetzen. Er lieble ihn nicht. Plötzlich sagte er mit mißmutiger Stimme: „Und ich habe eine Jüdin geheiratet!" PROF. LEOKID PASTERNAK Leonid Pasternak gehörte zu der russischen Gruppe der „Wanderer", die die antiakademischen Strebungen Ilja Rjepins fortsetzend im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts die russische Kunst in neue, freiere Bahnen führte und die Auffassung des Impressionismus propagierte. Er, der aus Odessa stammte, dieser wirbelnd-lebensvollen. einst von südlichem Geist durchtränkten Hafenstadt am Schwarzen Meer, brachte alle Anlagen mit, um ein Verkünder dieser färb- und lichtfreudigen Kunst zu sein. Sein starkes Temperament fand eine glücklich ergänzende Schulung in seiner Studienzeit in München, aus der ein großzügig dekorativer Vortrag und eine warm leuchtende Farblichkeil seinen Werken eigen blieb. Sein glänzendes technisches Können, das, Farbe, Form und Linie gleicherweise beherrschend, sich einer tiefgegründeten künstlerischen Gestaltungskraft verbindet, gibt seinen Bildern zugleich das Überzeugende, Gerade, Gharaktervolle. Prof. Pasternak, der zur Zarenzeit Lehrer an der Moskauer Kunstschule war und den das Schicksal nach der russischen Revolution von der Stätte eines langen erfolgreichen Schaffens in die Fremde trieb, hatte mit seiner letzten Ausstellung bei Victor l larlberg-Berlin einen großen Erfolg und eine ausgezeichnete Kritik der ganzen Berliner Presse. Ungebeugt vom Geschick und von der Last der Jahre schafft der nun schon 65jährige mit junger, ungebrochener Begeisterung an einem Werk, das oft wie ein Hohelied auf die Schönheit klingt. Da sind Bilder, die selbst den Alltag verklären und Bilder der Lebensfreude, Bilder aufglühender Blumen und Gärten, üppiger russischer Feste und farbiger Winlerfreuden. Da sind köstliche zart farbige Notizen in Pastellen und Zeichnungen und wieder leuchtende Aquarelle und — die Kunst Pasternaks in vollkommenster Entfaltung zeigend —■ großzügig vorgetragene Porträts von packender plastischer Lebensechtheil. Der Künstler stellt seine Köpfe vor farbige Hintergründe, in denen er ihr Geistig-Seelisches weiterklingeii und sich verdichten läßt. In dem Bildnis des jüdischen Dichters Tschernichowsky z. B. wird so die temperamentvolle Phantasie in dem sprühenden grünen Hintergrund gesteigert. Mit seiner Tolstoi-Serie schenkte uns der Maler, der mit Tolstoi befreundet war, eine der wertvollsten bildhaften Deutungen dieses großartigen Lebens. Ein Höhepunkt aber ist das Bildnis Lovis Corinths, das den schon Schwerkranken an der Staffelei zeigt. Eine großartig visionäre Erfassung des allen Corinth, eines der ergreifendsten Bildnisse eines Menschen. Will Phss.