Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Gorki und Andrejew über Antisemitismus
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 419 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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GORKI UND ANDREJEW ÜBER ANTISEMITISMUS Ein Gespräch Aus Maxim Gorh': Erinnerungen an Zeitgenossen (Malik Verlag. Berlin) Einer der schönsten. Griiudzüse des Charakters Gorkis ist sein, liebevoll sorgendes Interesse für alle schriftstellerisch schaffenden Menschen, in denen er seine engeren Kampf- und Leidensg-enossen er- "bückte. Diese stets zur tatkräftigen Hilfe bereite Sorere, brachte ihn mit vielen seiner .Zeitgenossen in. nähere menschliche Berührung. Daher gestattet uns das soeben erschienene Buch — Erinnerungen an Zeitgenossen — aufschlußreichen Einblick in die Psyche der russischen Literatur und damit in ein gutes Stück der geistigen Entwicklung des modernen Rußland. Wir veröffentlichen hier ein Gespräch mit dem Dichter Leonid Andrejew, das auf die geistige Einstellung der russischen Intelligenz zur Jndenfrayje hinweist. .... Erst im Jahre 1915, als im Heere die abscheulichen Wogen des Antisemitismus hochgingen, und Leonid gemeinsam mit anderen Schriftstellern gegen die weitere Ausbreitung dieser Seuche ankämpfte, sprachen wir uns wieder einmal. Müde, übellaunig lief er im Zimmer auf und ab, eine Hand hinter dem Hosengürtel, mit der anderen in der Luit gestikulierend. Seine dunklen Augen blickten finster. Er fragte mich: „Kannst du mir aufrichtig sagen, was dich treibt, deine Zeit für den fruchtlosen Kampf gegen die Judenfeinde zu opfern?" Ich antwortete ihm: „Der Jude sei mir an sich sympathisch und Sympathie sei eine biochemische Erscheinung, die sich nicht näher erklären lasse." „Nun trotzdem?" „Der Jude ist ein gläubiger Mensch; der Glaube ist eine spezifisch jüdische Eigenschaft. Ich liebe gläubige Menschen und ich liebe Fanatiker, überall: in der Wissenschaft, in der Kunst, in der Politik. Ich weiß wohl, Fanatismus ist etwas Narkotisches, aber Narkotika wirken auf mich nicht. Füge noch hinzu: die Scham, die der Russe empfinden muß, in dessen Hause, in dessen Heimal die Juden dauernd so schändlich, so abscheulich behandelt werden." Leonid ließ sich schwer auf den Diwan fallen und antwortete: „Du bist ein Mensch der Extreme und die Juden auch. Das ist die Sache. Jemand hat gesagt: der gute Jude ist Christus, der schlechte Judas. Aber ich liebe Christus nicht. Doslojewsky hat ganz recht: Christus war ein großer Wirrkopf." „Das hat nicht Dostojewsky gesagt, sondern Nietzsche." „Nun gut, also Nietzsche. Obwohl das eigentlich Dostojewsky hätte sagen müssen. Mir hat mal jemand beweisen wollen, Dostojewsky habe Christus gehaßt. Ich liebe Christus nicht und das Christentum auch nicht. Optimismus ist eine widerwärtige, durch und durch falsche Erdichtung." „Findest du das Christentum denn so optimistisch?" „Natürlich, Himmelreich und all der Quatsch. Ich glaube» Judas war gar kein Jude, sondern ein Grieche, ein Hellene. Er war ein kluger, dreister Mensch, der Judas. Flasl du mal über die Verschiedenheit der Motive des Verrats nachgedacht? Sie sind nämlich unendlich verschieden. Asef hatte seine eigene Philosophie; es wäre eine Dummheit, zu denken, er habe nur um Geld verraten. Weißt du — wenn Judas der Überzeugung gewesen wäre, J .. .. a selbst stehe in Christi Person vor ihm --- er hätte ihn doch verraten. Gott zu töten, durch einen schmählichen Tod zu demütigen — das ist keine Kleinigkeit, mein Lieber!" Er redete lange über das Thema Herostrat und wie immer, wenn er derartige Gedanken hatte, sprach er interessant, erregt, und peitschte seine Phantasie durch die tollsten Paradoxe auf. In solchen Augenblicken war sein schönes, aber etwas hartes und kaltes Gesicht feiner, durchgeistigter, und die dunklen Augen, in denen stets eine unbestimmte Furcht vor etwas schwelle, glühten keck, schön und stolz. Dann kam er auf den Anfang unserer Unterhaltung zurück. „Über die Juden dichtest du dir etwas zusammen; was du da redest ist Literatur. Ich mag sie nicht, sie sind mir peinlich. Ich fühle mich verpflichtet, ihnen Komplimente zu sagen