Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 300 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
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300 MENORAH „Haben Sie von einem gewissen Mr. Tschitscherin gehört? Er ist kein Jude, aber nach den Berichten meiner Gewährsleute ist er der eigentliche geheime Rädelsführer/' Von Mr. Tschitscherins Rolle habe ich, wie der Leser weiß, schon lange Kenntnis gehabt. Für den „Rädelsführer" habe ich ihn damals nicht mehr gehalten. Er war gerade damals schon mehr mit seinen russischen Angelegenheiten beschäftigt. Aber in seinen freien Stunden, in Stunden, wo man sich einer „Nebensache", einer „Kleinigkeit" widmen kann, hat er uns noch die Gnade erwiesen, Petroleum in das jüdische Feuer zu schütten. Von ihm stammten die „Versicherungen", daß der Petersburger Sowjet es „nicht dulden werde". Und warum denn nicht? Was kostets ihn? Weder er noch sein Volk werden doch unsere zerbrochenen Glieder bezahlen müssen. Zion oder wieder Gallith, englische Freundschaft oder Judenhaß — er wird daran nicht gewinnen und auch keinen Schaden nehmen. „Ich bin über Herrn Tschitscherins Tätigkeit informiert", sagte ich, „aber meine Freunde und ich haben vor diesen Leuten keine Angst mehr. Wir werden Aufrufe drucken, Versammlungen abhalten, und unsere Wahrheit wird bald ihre Lügen zerstreuen. Und die Meetings werden jetzt in Ordnung verlaufen. Ich brauche sogar die Polizei nicht — ich habe meine Soldaten vom Zug Nr. 16." „Hm. . ." entgegnete der Offizier — „wir sind nicht so edelmütig. Besonders dieser Herr Tschitscherin, der das jüdische Volk versorgen will, gefällt uns nicht .. ." . . .Unsere neuen Versammlungen verliefen in aller Ruhe. Sergeant Ephraim Blutstein aus Alexandrien brachte zu jedem Meeting einige Dutzend unserer stärksten „Mauleseltreiber" mit — grusinische ,,Schwilis", breitschultrige, junge Leute aus Odessa und Kiew, Prose- Men aus der Wolga — und es herrschte Ruhe. Die Freunde Mister Tschitscherins hielten bei uns feurige Reden gegen Zionismus und Militarismus. Wir entgegneten — still, fein, anständig. Wortfreiheit — ja. Lärmfreiheit — nein. Mr. Joseph King hatte aber damals, bei jenem Gespräch im national-liberalen Klub, ohne daß er es ähnle, den Herrn Tschitscherin mit einem bösen Auge behext. Seine Prophezeiung ging in Erfüllung. Mr. Tschitscherin kam nicht gerade in den Kerker, aber in ein englisches Internierungslager. Als Trost für seine Anhänger kann ich versichern, daß er dort wahrscheinlich bequemer gelebt hat, als seine jetzigen Untertanen in den Gefängnissen der Tscheka.