Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Article
- Artur Szyk
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 288 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912885-2921999--06587-2922087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
288 MENORAH gewachsen. Noch wirkt er vor lauter Angst, gegen die Syntax der ungewohnten künstlerischen Sprache zu verstoßen, steif, und überladen vor lauter Bestreben, den Charakter des üppigen Orientes, in den uns die Legende versetzt, wiederzugeben. Alle nächsten Werke jedoch sind ebenso viele Stufen des wachsenden Gelingens, sich im Rahmen der Kunst, die er wählte, als Meister und Persönlichkeit zu bewähren. Merkwürdigerweise förderten ihn dabei am meisten zwei Werke, die an sich sehr gefährliche Experimente bedeuten, und zwar die Illustration zweier modernen, gedruckten Bücher, der „Versuchung des heiligen Antonius41 von Flaubert und der „Tänzerin Hagar4' von Benoit. U>u nämlich die Spannung zwischen dem nüchternen Druck und den dazugehörigen Miniaturen zu mildern, war der Künstler gezwungen sparsamer, übersichtlicher und weniger prunkvoll zu werden, und näherte sich so den echten östlichen Miniaturen, deren oberstes Gesetz Grazie ist. Anderseits half ihm die Notwendigkeit neuzeitliche Menschen mit ihren Gebärden und Kleidern, wirkliche Landschaften mit Automobilen und Eisenbahnzügen, in Miniaturen darzustellen, über die anfängliche Befangenheit hinweg. Nach dieser harten Schule beherrscht Szyk die Miniatur, wie Musiker ein ehrwürdiges altes Instrument zu behandeln pflegen: rücksichtsvoll, doch souverän. Die Haggada, die er nachher schreibt und illustriert, lieiert dafür einen prachtvollen Beweis. Schrift — die hebräische des Urtextes — Umrahmung und Bilder halten einander die Waage und heben eines den Wert und Ausdruck des anderen hervor. Die vorherrschenden hellen und zarten Farben, die Stilisierung der Szenen und Menschen, die jetzt nicht der Miniatur, sondern dem Charakter der Haggada zuliebe vorgenommen wird, lassen das Buch als schönes, innig-humorvolles Volkslied erscheinen, das vom freudigen Pessachfest und seinen Gebräuchen, von seinem gruselig-wundervollen Anlaß und vielen, gar vielen Dingen singt und erzählt. Anders und ebenso gelungen, obgleich schwerer und komplizierter in Anlage und Form, ist das nächste, bisher letzte Werk Szyks. Es ist der Kodex von Kaüsz, der die Rechte und Privilegien umfaßt, welche seit dem 13. Jahrhundert die Basis der rechtlichen Stellung der Juden in Polen büdeten. Die Ausführung der einzelnen Miniaturen ist schlechthin meisterhaft. Was aber dem Werk seinen originellen Charakter verleiht, das ist die Auffassung des Vorwurfes. Denn diese Bilder sind eigentlich keine Illustrationen des Textes — wie wäre dies auch möglich — sondern Phantasien über die Vergangenheit der Juden in Polen, die anläßlich der nüchternen Paragraphen des Gesetzbuches im Geiste des Künstlers auftauchen. So sehen wir in bunter Folge eine Münzstube, in der Juden polnische Reichsmünzen prägen, ein großartiges jüdisches Handelsschiff und dann wieder einen jüdischen Weber am Webstuhl und Schneider und Schuster und Bäcker an der Arbeit. Und außerdem huschen drolligerweise zwischen den Zeilen des strengen goldgeschmückten Textes Gestalten und Szenen aus dem Volksleben. Eine armselige jüdische Droschke mit magerein, zerschundenem Gaul taucht auf. Ein hageres Dorfjüdlein vor einem Herrn gestikulierend, ist fragmentarisch angedeutet, llingehaucht als Spiel der Erinnerung, die während ernster Arbeit Allotria treibt. Durch solche Ubereinanderschichtung verschiedener Motive ist Szyk das Meisterstück gelungen, ein Werk zu schaffen, das dekorativ ist wie ein orientalischer Teppich und zugleich persönlich und lebenswarm. Interessant und bedeutsam für jeden, der die Kultur unserer Zeit studiert, ist es Szyk in noch höherem Maße für den Historiker jüdischen Kunstlebens. Denn da stellt er das höchst seltene Phänomen eines jüdischen bildenden Künstlers dar, der sich als solcher auf jüdische Kunsttradition berufen kann. Die Miniaturmalerei nämlich hat im Gegensatz zu jeder anderen bildenden Kunst unter den Juden eine lange und große Vergangenheit. Ja, vielfach wird es sogar behauptet, daß Juden nebst Griechen und Kopten die ersten Meister dieser Kunst in Alexandrien gewesen sind und auch an ihrer Pflege im byzantinischen Reich sollen sie großen und rühmlichen Anteil gehabt haben. Sicher ist es jedenfalls, daß im Mittelalter jüdische Manuskripte häufig illuminiert wurden. In der bis auf unsere Tage erhaltenen berühmten Haggada von Serajewo und dem wundervollen Gebetbuch aus dem 14. Jahrhundert können wir ferne und erlauchte Vorläufer der Bestrebungen Szyks bewundern. Vielleicht ist es ihm vorbehalten, für das Volk zu bewirken, was jene nur für einzelne leisten konnten: den jüdischen Festen die Weihe der Kunst zu schenken und die Kunst im Leben zu verwurzeln. Aurelie Gottlieh J. W. SCHÜLEIN, München, von dessen interessanten Werken wir zwei Gemälde hier reproduzieren (Seite 307 f.), zeigt die Landschaft des modernen Menschen, wo die Weite der Natur mit der Enge der Straßen der Großstadt in 'farbigen Kontrasten zusammenstößt.