Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Article
- Artur Szyk
- Date
- 1928-05-01
- Page
- 287 (sequence 1)
- Language
- German
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ÄRTURSZYK Artur Szyk ist Miniaturenmaler im alten Sinne des Wortes, in dem es Künstler bezeichnete, die mit ihrer Malerei — ursprünglich war es nur mit roter Farbe, Minium genannt — Bücher schmückten und illustrierten. Als solcher ist er heutzutage einzig. Ja, noch mehr. Seit Jahrhunderten schon ist diese Kunst, deren Anfänge bis in graueste Vergangenheit zurückreichen, vollständig erloschen. Im hellenistischen Alexandrien nach dem Vorbild altägyptischer Schriftrollen sind die ersten Miniaturen entstanden. Im oströmischen Reich zur Blüte gebracht, wird diese Kunst dann in allen Ländern Europas, wohin sie von Byzantium verpflanzt wurde, eifrig gepflegt. In der französischen Frührenaissance zeitigt sie berauschende Wunderwerke und verschwindet plötzlich, auf der Höhe ihrer Entwicklung, aus der Welt. Die Buchdruckerkunst nämlich, die den geschriebenen Büchern ein Ende setzte, entzog eo ipso auch der Miniaturenmalerei den Boden. Schon aus rein technischen Gründen, weil sie nämlich damals nicht vervielfältigungsfähig war, mußte sie den Platz räumen. Holzschnitt und Kupferstich, beide schneller und leichter herstellbar, beide reproduzierbar, beide dem neuen Zeitgeist gemäßer, traten an ihre Stelle. So an der Schwelle der Neuzeit zur Strecke gebracht, gehörte sie seither nur der Geschichte an. Wie kommt es also, fragt man erstaunt vor Szyks Miniaturen, daß die tote Kunst vergangener Epochen heute erneuert wird? Es ist wahr: die Technik, die sie einst umgebracht hat, könnte sie heute dem Leben zurückgeben, denn es ist jetzt ein leichtes, Miniaturen zu reproduzieren. Doch was soll diese minutiöse Kunst, deren Heimat der geduldige, fromme Orient, deren Pflegestätten meistens Klöster waren, in unseren Tagen der taumelnden Schnelligkeitsrekorde? Was sollen diese schönen Bildchen mit ihrer Fülle an Details, die lange Zeit brauchen, um geschaffen und lange auch, um genossen zu werden, in unserer Welt der Hast, der Uberbürdung, der starken Akzente? Das Werk eines Eigenbrötlers scheinen sie zu sein, der fern von allen Kämpfen der Gegenwart, begeistert von den Schätzen der Bibliotheken, schönheitstrunken und blind für das umgebende Leben, vergangene Träume nachträumt. Doch diese Bedenken, die Szyks Kunst unfehlbar anfangs in jedem Betrachter weckt, sind unberechtigt. Weit davon entfernt Phantasien eines Sonderlings zu sein, sind seine Werke Manifestationen eines bewußten Zeitgenossen. Und nicht Schattenspiele, sondern Ausdruck starken Wollens. Aus übermächtiger Sehnsucht nach Bindung sind sie entstanden. Derselben, die sich heutzutage auf verschiedenen Gebieten des Lebens kundgibt und wohl am sichtlichsten in der Politik zutage tritt. Und wie alle, die des gleichen Geistes sind, läßt auch Szyk auf seine Art den Ruf nach einem neuen Mittelalter erschallen, jener Epoche, die als das positive Gegenbild all dessen gilt, was an unserer Kultur so furchtbar schmerzlich ist. So knüpft er an die Kunst des Mittelalters an, um die Mängel, oder was er als solche empfindet, der gegenwärtigen zu bekämpfen. Denn dort findet er statt der vielen Richtungen, der Nervosität und der unpräzisen Ausführung, die unserer Kunst eigen sind, eine Malerei, die solide fachliche Bildung zur Voraussetzung hatte, an ein ehrliches Handwerk gebunden war und, dem Kult dienstbar, von ihm ihre Weihe empfing; wohingegen es heute keinen Künstler gibt, der nicht schwer daran litte, daß die Kunst den Zusammenhang mit sozialen Werten vollständig verlor und gewissermaßen das Leben eines Phantoms führt. Und bis zum Letzten konsequent in der Verfolgung seiner Tendenzen, geht Szyk gerade bei jenen Meistern des Mittelalters in die Lehre, die in der alleräußersten Gebundenheit geschaffen haben und das unfaßliche Wunder vollbrachten, an einer winzigen Fläche ihrer Manuskripte, durch Technik, Inhalt und herrschende Tradition begrenzt, monumentale Wirkungen zu erreichen und Ströme von Poesie fließen zu lassen. Die Liebe zum Buche als solchem, wohl verständlich bei diesem treuen Sohn des alten Am-Hasefer, wird bei der Wahl seines Lebensweges, die natürlich eher innere Berufung als Überlegung war, nicht unerheblich mitgespielt haben. Was nun beginnt, ist ein packender, dramatischer Kampf mit den Mächten der Vergangenheit. Denn wohlgemerkt: nicht, die alten Miniaturen nachzuahmen, ist sein Verlangen, was bei einiger Geschicklichkeit nicht gar so schwer gewesen wäre, sondern die alte Kunstart neu zu beleben. Und dies bedeutet ein schweres Ringen mit dem Tode, dem es sein Opfer zu entreißen galt. Das Buch Esther, das er als erstes nach Art seiner Vorbilder selbst geschrieben und mit eingestreuten Initialen und Bildern reich geschmückt hat, zeigt den Anfangspunkt dieses einzigartigen künstlerischen Weges: Trotz seines eminenten dekorativen Talentes, seiner feinen Zeichen- und seiner unfehlbaren Kompositionskunst ist er in diesem Werke der Größe seiner Aufgabe noch nicht