Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Die jüdische Landwirtschaft in Bessarabien
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 245 (sequence 4)
- Language
- German
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DIE JÜDISCHE LANDWIRTSCHAFT IN BESSARABIEN 245 Kolonie — Serbeschty — gegründet worden; da haben sieh die Juden aus der verarmten am Dnjestr liegenden Stadt Wad-Raschkow angesiedelt. Da der neue jüdische Grundbesitz stark zerstreut liegt, ist er noch bis zum heutigen Tage nicht gänzlich registriert worden. Etwas über 5000 Familien haben über 20.000 Hektar Land erhalten, das heißt, die Juden haben ungefähr zwei Prozent von dem Lande, das bei der Agrarreform zur Austeilung kam, erhalten. Da die Juden über zehn Prozent der ganzen Bevölkerung ausmachen, ist das gewiß nicht viel. Man muß aber in Betracht nehmen, daß der größte Teil der Juden auch in Bessarabien wenig Beziehungen zu der Landwirtschaft hat. Früher haben die Juden außer wenigen Großgrundbesitzern ungefähr 5000 Hektar Land im Besitz gehabt; also beträgt jetzt der ganze jüdische Grundbesitz etwa 25.000 Hektar. Das ist selbstverständlich kein genügender Ersatz für die allgemeine Verschlechterung der Wirtschaftslage. Doch ist dieses Land für die jüdische Bevölkerung von Bedeutung; denn es kann in großem Maße für intensive Kulturarten, Tabak- und Weinbau, ausgenutzt werden. Die Feldwirtschaft in Bessarabien könnte auch intensiv geführt werden. Gegenwärtig, wo die Juden neue Verdienstmöglichkeiten statt der verlorenen suchen müssen, genügt ihnen das Land, das sie bei der Agrarreform erhalten haben, gewiß nicht. Da aber die Bauern zunächst noch nicht imstande sind, das ihnen zugeteilte Land zu bewirtschaften, so verpachten viele von ihnen das Land zu billigen Preisen. Die Juden pachten jetzt noch mehr Land, als sie besitzen. Auf diese Weise bestellen sie über 50.000 Hektar Land. Viele Juden bewirtschaften ausschließlich gepachtetes Land und besitzen keine „Loten". Darum ist es anzunehmen, daß mit Landwirtschaft nicht weniger als 8000 jüdische Familien beschäftigt sind. Mit den Familienangehörigen sind das 40.000 Mann oder 15 Prozent von dem ganzen bessarabischen Judentum. Zweifellos gibt es in der Welt kein anderes Beispiel, daß ein so großer Teil der jüdischen Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig wäre. Die jüdische Landwirtschaft befindet sich noch in ihrer Orgaiiisationsperiode. Bis zum Jahre 1922 war der Bodenbesitz überhaupt noch nicht gesichert. Außerdem fehlt es noch den Juden an lebendem und totem Inventar, und wenn man den Bauern mit seinem Pferde zu suchen genötigt ist, um das Ackerland umzupflügen, kann es nicht rechtzeitig und regelrecht bestellt werden. Die beiden Mißerntejahre 1924 und insbesondere 1925 haben einen schweren Schlag der neuen