Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Nachrichten über Heine
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 224 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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224 MENORAH einer gewesen." Rüge veranlaßt diese Beteuerung zu folgender Bemerkung: „Ich weiß nicht mehr, in welcher Generation sein Geschlecht schon getauft worden war, auch sah er wirklich nicht jüdisch aus, wie sich jeder durch seine Photographien überzeugen kann. Daß er mich aber ganz ernsthaft, aufs Kamin gestützt, wie ich ihn noch vor mir sehe, überreden wollte, er sei kein Jude, machte einen komischen Eindruck auf mich. .." Im krassen Gegensatz zu Ruges Mitteilung steht die glaubwürdigere, bestimmt richtigere Bemerkung in Philibert Andeb r a n d s „Petits Memoires du XIXe siecle", die Heines Stellung zum Judentum betrifft. Sie lautet: ,,Über die Juden zu schreiben, machte ihm besonderes Vergnügen. Ein Blick in seine Korrespondenz zeigt allenthalben diese merkwürdige Vorliebe. Ich sage: merkwürdig, weil er mit dem gleichen Ergötzen Gutes und Böses über seine Glaubensgenossen schrieb. Er hob sie in den Himmel und riß sie grausam herunter. Sprach man mit ihm darüber, dann zeigte er sich im Grunde voller Bewunderung von der tatsächlich wunderbaren Verbreitung und Unzerstörbarkeit des Samens Abrahams. „Sie ist die einzige bedeutende historische Rasse," meinte er, „die den Sturz der antiken Welt zwei Jahrtausende lang überdauert hat." Dann ging plötzlich wieder die Satire mit ihm durch: „Eine verfluchte Brut, die auf den Gedanken kam, der Menschheit Brillen zu verkaufen, damit sie — schlechter sehe." Auch eine Polemik gegen jene, die ihm vorwarfen, daß er sich nicht zu erkennen gebe (spricht die Notwendigkeit solcher Abwehr nicht gegen ihn?), ist in den Band aufgenommen. Man findet sie in einem Abschnitt aus den Schriften Alfred Meißner s: „Es wäre abgeschmackt und klein, wenn ich, wie man mir nachsagte, mich je geschämt hätte, ein Jude zu sein, aber es wäre ebenso lächerlich, wenn ich behauptete, ich wäre einer. . ." Nur, daß der jüdische Dichter — hier wird der Zwiespalt bitter — just in den schwersten Leidensjahren, just in der Matratzengruft, eine peinliche Komödie spielen mußte, über deren Fragvvürdigkeit der spitzeste Heine-Humor nicht hinwegtäuscht. Es machte ihm Freude, den „kleinen Weill", der ehemals Tempelsänger war, „die alten Wüstengesänge Judas in ihrer ursprünglichen Reinheit der Tradition, von ihrer ganzen monotonen Einfachheit an bis zu der vollen Höhe alttestamentarischer Koloratur" vortragen zu hören. „M eine gute Frau, die gar nicht ahnt, daß ich ein J ud e b in," vertraut er Meißner an, „wundert sich nicht wenig, wenn sie dieses unerhörte musikalische Lamento, dies Tremolieren und Quinkelieren zu Ohren bekömmt. . . Die Gute aber wendete sich an mich und fragte dringend: ,Henri, sage mir, was sind das für Lieder?' — ,Es sind unsere deutschen Volksgesänge', erwiderte ich; ich bin bei dieser Aussage hartnäckig verblieben." Größer, edler war eine andere Verstellung des unsäglich langsam sterbenden Heine, die uns der nämliche Meißner überliefert. Regelmäßig, jeden Monat, diktierte er seinem Sekretär einen Brief an „die alte Frau, die am Dammtor wohnt", seine Mutter. — „Meine Mutter hält mich für so wohl und gesund, als ich damals war, als ich sie zuletzt sah. Sie ist alt und liest keine Zeitung; die wenigen alten Freunde, die sie besuchen, sind in ähnlicher Lage. Ich schreibe ihr oft, so gut ich's kann, in heiterer Laune, erzähle ihr von meiner Frau, sage ihr, wie gut ich es habe. Da es ihr auffällt, daß nur die Unterschrift von mir ist, und alles übrige von der Hand des Sekretärs, so heißt es immer, daß ich etwas Augenleiden habe, das bald vergehen werde, mich aber verhindere, selbst alles zu schreiben. Und so ist sie glücklich. Daß übrigens ein Sohn so krank und elend werden kann, wie ich bin, das glaubt ohnehin keine Mutter." Im Weltkrieg entstand ein jüdisches Soldatenlied. Ein toter Soldat gibt den Raben willig Hände und Beine zum Mahl und bittet sie, dankbar zu sein, zu seiner Mutter zu fliegen und ihr mitzuteilen, daß er gesund und wohlbehalten heimkehren werde. — Heine handelte wie jener jüdische Soldat im Volkslied. Otto Abel es.