Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
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166 MENORAH faßte eine Resolution, daß alle Zionisten die Legionspropaganda überall bekämpfen müssen. Und plötzlich befand ich mich, fast allein dastehend, im Kriegszustand mit der ganzen zionistischen Organisation. Fast, aber nicht ganz alleinstehend. Ich werde es nie in meinem Leben vergessen, daß ich in derselben Stadt Kopenhagen, in den Tagen dieses peinlichen Bruches, jenen Verbündeten gefunden habe, dessen Hilfe einzig und allein — in gewissen Momenten eine geradezu heroische Hilfe — es mir ermöglicht hat, die Hölle der beiden folgenden Jahre zu ertragen. Meir Großmann, heute Direktor der Londoner ,,Ita", lebte damals in Kopenhagen als Korrespondent einer Petersburger Zeitung. Ich werde noch oft über unseren gemeinsamen Kampf sprechen müssen. Zjuiii Schluß über ein trauriges Kapitel: Rußland im Sommer 1915. Es war mein letzter Besuch in meiner Heimat. Nur drei Monate habe ich dort verbracht, ich war in Petersburg, Moskau, Kiew und Odessa. Über allem lag der Schatten des Todes. Die Armee wurde aus Galizien vertrieben, die Deutschen besetzten Warschau, einige Wochen später Riga. Aber nicht das hatte die Grabesluft heraufbeschworen. Sie kam davon, daß die Katastrophe niemanden bekümmerte. Bei Tag liest du: ,,Bialystok gefallen" — am Abend siehst du fröhliche, lachende Offiziere mit ihren brillanten geschmückten Damen im „Medwed" in der Villa Rode", in der Moskauer ,,Jar" hinter einem Wald von staubigen Flaschen. Ein Luxus, den Rußland bis dahin nicht gesehen hatte; ungeniertes, lautes Geplauder über Siege des einen oder des andern Schürzenjägers, ein schmutziges Durcheinander bekannter Namen von Frauen und Männern aus den Hof kreisen, aus der sogenannten ,,Beau-Monde", aus der Finanz- und Literaturwelt, kurz aus allen möglichen Kreisen. Im Palast des Zaren herrschte Rasputin, in dessen Macht es lag, zu bestimmen, wer Gouverneur in Tomsk, wer die Nordarmee befehligen und wer den kleinen kranken Thronfolger Alexis — unter seiner eigenen täglichen Kontrolle — kurieren soll. Und im Palast selbst — eine einsame, tragische Familie, ein kleiner, schlechter, sympathisch-melancholischer Schwächling von gemischtem Blut, das zu drei Vierteln deutsch und einem Viertel russisch war; eine deutsche Frau, stumpf durch preußischen Starrsinn und russische Hysterie; vier uninteressante Töchter und ein todkranker, verhätschelter Kronprinz; eine einsame Familie, verlassen