Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Der Bildhauer Kurt Harald Isenstein
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 159 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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PARISER BRIEF 159 spitzen, die in hastiger Sprunghaftigkeit die Eindrücke des Augenblicks zu erhaschen suchen, dort die große formale Einheit, die den Bildhauer in langsam abwägender Arbeitsweise das gesteckte Ziel erreichen läßt. Es ist gewiß nicht uninteressant, festzustellen, daß sich gerade für den Kopf geistiger Menschen eine Einheit im bildhauerischen Sinne nicht finden läßt, ohne dem Porträt Gewalt anzutun. Eine Ausnahme bildet vielleicht die schöne Lösung der Maske der Frau P., wo der Künstler seiner reinen Formenfreude in Verbindung mit schönster Innerlichkeit Ausdruck zu 'geben vermochte. Die wundervolle Gestaltung jugendlicher Einfalt und kindlicher Glückseligkeit, wie sie seine Mädchenbüsten und Kinderköpfchen zur Schau tragen, macht den Künstler zu einem der anerkanntesten Porträtisten. Seine große Naturnähe läßt ihn bei keiner Arbeit in formale Übertreibung oder Arabeske verfallen. Selbst einige frühe etwas stilisierte Arbeiten zeichnen sich durch ihre formale Notwendigkeit aus. Durch die Ungunst der Zeit und den Mangel an Mäzenen war es dem jungen Künstler bisher nicht vergönnt, seine zahlreichen Ideen und Projekte über den kleinen Entwurf hinausgelangen zu lassen. Seine für den Bildhauer nicht alltägliche graphische wie malerische Begabung, zu der sich eine feine Musikalität gesellt, gibt dem vielseitigen Künstler die Möglichkeit, seine Fähigkeiten an anderer Stelle zur Auswirkung zu bringen. Gerade in jüngster Zeit schuf Isenstein für die Monumentalausgabe der Werke des Dichters Arno Holz neben der Büste des Dichters eine große Zahl von Porträtdarstellungen, die durch ihre außerordentliche Sicherheit viele Freunde fanden. Wenn man bedenkt, daß dieses so einheitliche Werk in einer der, besonders im künstlerischen Sinne, äußersten Zerrissenheit entstehen konnte, so ist zu hoffen, daß Kurt Harald Isenstein, der sich persönlich immer wieder als „noch ganz im Anfang stehend" bezeichnet, uns noch manches bemerkenswerte Werk schenken wird. Hermann T^deyer PARISERBRIEF Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was aus einem Juden in Paris wird, ging ich in die Ausstellung von Boris Grigorj e f f. Aha, wird man sagen. Boris Grigorjeff ist ein Jude. Er ist kein Jude, aber das ist ja gerade das Instruktive. An einem Nichtjuden läßt sich das Exempel deutlicher statuieren. Ich verfahre da genau wie Hermann Bahr, der bekanntlich im Jahre 1919 „Die Rotte Korahs" schrieb, einen roman ä these, worin es zu beweisen galt, daß der Geist alles, das Blut nichts bedeute. Eine junge Frau erfährt, daß ihr Vxiler nicht der aus dem Bauernstand emporgekommene Kraftmensch ist, der sie erzogen hat, sondern ein Graf. Sie beginnt sich nun als Grafentochter umzustilisieren, was sie doch in Wirklichkeit ist, immer gewesen ist, es gelingt nicht. Das Gegenstück: Ein junger Diplomat erfährt, daß sein wirklicher Vater Jude war. Er versucht es ehrlich, sich in die daraus sich ergebende Situation hineinzufinden. Seine ganze Erziehung widersetzt sich dem Versuch. Anerzogenes ist stärker als Ererbtes. Nun, wie ich vor kurzem nach Paris kam, wo Chagall und Kisling und die Orlowa leben, da dacht' ich, was ist wTohl stärker, Geist oder Blut Den Roman von. Bahr kannte ich noch nicht, aber, wie er, wählte ich erst das weniger gefühlsbetonte Objekt für meine Beobachtungen, nicht etwa gleich Chagall, sondern den Russen. Vor einigen Jahren noch hatte ich Zeichnungen von Grigorjeff gesehen, damals schon Gestalten aus dem Marseiller Hafen, doch glaubte ich trotz des französischen Inhaltes eine kräftige russische Note darin zu verspüren. Grigorjeff setzte seine Studien der französischen „Landschaft" fort, malte Bauern der Bretagne, malte sie solange, bis sie nichts mehr vom „Mujik" an sich merken ließen. Seine Palette wurde reifer, gesättigter, nichts als Gewinn, Gewinn ist festzustellen, und doch, wenn ich an Rußland denke, an die Aufgaben, die die russische Wirklichkeit dem russischen Menschen stellt, so wird mir der Abstand bewußt, der den