Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Der gefangene Rabbi von Rothenburg
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DER GEFANGENE RABBI VON ROTHENBURG 155 will er sein Leben lang verbleiben: kein Herzog soll Kirchen aus jüdischem Gelde bauen. In die ganze jüdische Welt, die weit und breit verstreute, dringt das Wort des heiligen Rabbi. Allein bleibt der Rabbi in seiner Einsamkeit; im Turm der Stadtmauer sitzt er an dem schmalen kleinen Fensterchen und schaut hinüber zum „Engelsberg", der sich gegenüber der Stadt erhebt, auf das tiefe Tal, das um die Stadt zieht, und auf die stille Tauber, die sich in diesem Tal um die Stadt schlingt. Nicht ohne Grund haben sich die ersten Kreuzfahrer, als sie aus Jerusalem zurückkehrten, in Rothenburg angesiedelt. Rothenburg gleicht Jerusalem und das Gelände um die Stadt dem von Jerusalem. „Heiliges Jerusalem!" — hatten die Kreuzfahrer ausgerufen, als sie Rothenburg auf dem Hügel daliegen sahen. Und auch der Meharam ersah, als er von dem schmalen Fensterchen seines Gefängnisturmes ins Tal, auf den Fluß und auf die Hügel blickte, die Landschaft seines heiligen Jerusalem. Das Tal um Rothenburg benannte seine Phantasie „Hinnom", und die Tauber den Siloah, der sich durch das Hinnomtal schlängelt; den Engelberg gegenüber benannte er den Berg „Hasisim". Auf sie alle, auf die Stätten der heiligen Stadt, blickte er aus seinem kleinen Fensterchen im Strafturm von Rothenburg. Heimlich sandten ihm die Juden Nahrung in den Turm; heimlich sandten sie ihm Niederschriften der heiligen Bücher und er studierte darin beim Licht des Mondes und der Sterne. Pergament und Federn erhielt er und schrieb darauf seine Bücher. Und die Juden der ganzen Welt, so weit und breit sie verstreut waren, sandten ihre schweren Rechtsfälle zum gefangenen Rabbi im Turm zu Rothenburg, daß er sie entscheide, daß er richte. Vom Turm sprach er Gericht über die Juden der ganzen Welt. Von den entferntesten Winkeln Italiens bis nach Polen, von der Küste des Bernsteinmeeres bis zu den Städten von Burgund, von überall her schickten die Rabbiner ihre schweren Rechtsfälle dem gefangenen Rabbi im Strafturm von Rothenburg zur Entscheidung, und seine Entscheidungen gelten gesetzverbindlich bis auf den heutigen Tag. Im Turm hauchte der Meharam seine Seele aus. Vierzehn Jahre nach seinem Tode noch lag sein Leib in der Gefängniszelle und blieb frisch und unversehrt wie im Leben; dann brachte ihn ein Jude aus Frankfurt um hohes Lösegeld nach Worms, wo er zur ewigen Ruhe beigesetzt wurde. Sein Grabmal steht dort bis zum heutigen Tag.. . (Aus dem Jiddischen übertragen von S. S.)