Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1928-03-01 · Heft 3 (März 1928) · p. 153

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 3 (März 1928)
Article
Der gefangene Rabbi von Rothenburg
Date
1928-03-01
Page
153 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912879-2912883-2921678--06334-2921759
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der gefangene Rabbi von Rothenburg Ein Bild Von Schalom Asch * e Uber den vielfach gewundenen Pfad, der sich über Hügel und durch Täler längs der schmalen Tauber schlängelt, schleicht vorsichtig, ganz allein ein Jude, ein hochgewachsener schöner Mann mit langem schwarzem Bart um das schmale hochstirnige Antlitz. Ein Bündel auf der Schulter, den Stock in der Hand, geht er einsam über den verlassenen verwilderten Weg, auf dem Gras und Disteln wuchern, und ist froh, niemandem zu begegnen. Hier ist er allein mit Gott. Und sinnt Über eine schwere Rechtsfrage nach, die ihm durch einen Geheimboten der Rabbi von Worms oder Mainz oder einer anderen deutschen Stadt zur Entscheidung vorgelegt hat; aber auch von den fernen, fernen Orten des Landes Polen, wo erst jüngst viele Juden einen Ruheplatz gefunden haben, ward seine Entscheidung angerufen, und man harrt dort seiner Antwort. Zeigt sich jemand auf dem Wege, ein Reiter, ein Landsknecht oder ein Fußgänger, so biegt der Wanderer seitwärts und verbirgt sich in einem nahen Wäldchen, einem Gebüsch oder, wenn es nicht anders geht, im Graben am Wegrand. Ist der Fremde dann vorbei, so kriecht der Jude aus seinem Versteck hervor und zieht fröhlich seines Weges weiter; bald singt er einen Psalm vor sich hin, bald sagt er ein Stück aus dem Talmud her und geht dabei weiter dem Sinn einer schweren Rechtsfrage nach. Bücher braucht er dazu keine; es gibt auch keine. Was er weiß, das kann er auswendig bis auf den letzten Buchstaben. Während der Jude so in tiefem Sinnen fürbaß wandert, sprengt ihm ein Reiter entgegen, von Kopf bis Fuß in Eisen gepanzert, eine lange schmale Lanze in der Hand; hinter ihm ein Fähnlein Landsknechte. Der Jude will sich im seitwärts gelegenen Wäldchen verbergen, doch zu spät — der Reiter hat ihn schon von weitem bemerkt: „Halt, Jude!" Und bald fassen ihn zwei Landsknechte an den Armen und führen ihn vor den Reiter. „Wohin gehst du, Jude?" „Ich gehe ins heilige Land, edler Herr, ich habe Sehnsucht nach Jerusalem, der heiligen Stadt!" — antwortet der Jude demütig. „Die Juden von Bayerland sind Eigentum Seiner Gnaden Ludwig, des Herzogs von Bayern. Wie durftest du wagen, des Herzogs Land zu verlassen?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.