Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Die mittlere Pforte
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 MENORAH bemerkte meine Mutter. Ich war aber namentlich neugierig, die kleine Ilonka zu sehen, sagte jedoch nicht, wie leid es mir tat, daß ich, als sie bei uns war, im Cheder saß, hinter der „Mittleren Pforte". Als anfangs September in der römisch-katholischen Volksschule der Unterricht begann, erlebte ich eine große Überraschung. Die Schule und der Cheder — „lehawdil", pflegten wir zu sagen, „zur Unterscheidung", auf daß uns die Erwähnung der beiden in einem Atem nicht als Sünde angerechnet werde — glichen einander insofern, als beide nur aus je einem Lehrraum bestanden. In einer Stube der Volksschule hätten sämtliche schulpflichtigen Kinder des Volkes Platz nehmen sollen, von der ersten Klasse bis zur sechsten, Buben und Mädeln durcheinander. Da wir aber alle gleichzeitig keinen Platz fanden, mußten wir mit vielen anderen draußen warten, was an schönen Herbsttagen sehr lustig war. Im Hofe waren ein hohes Reck, Bock und allerhand Turngeräte aufgestellt. Und wir fanden es komisch, daß die größeren Buben Kunststücke vollbrachten wie die Besitzer von Schaubuden, die mit Bären, Kamelen oder Elefanten ab und zu auch in unserem Dorfe auftauchten, um sich von den versammelten Zuschauern einige Kreuzer zu erbetteln. Endlich kam die Reihe an die Rekruten und ich erhielt durch das Wohlwollen des Lehrers meinen Platz in der Nähe des Förstertöchterleins. Vielleicht war es nur eine Fügung des Zufalls. Es dürfte aber auch Absicht dabei gewesen sein. Wer weiß? Bald wußte ich, daß der rätselhafte Förster nicht dem Walde befiehlt, sondern die Wälder des Herrn Barons verwaltet. Und plötzlich erfuhr ich auch, daß die Bauernbuben nicht nur mich verspotten, sondern auch das „kleine Fräulein" und daß das Volkslied „Zsido, bilido" nicht nur meinen langen Schläfenlocken, sondern auch dem kurzen Kleidchen und dem Lockenköpfchen der kleinen Ilonka gilt. Fast instinktiv, stillschweigend, sind wir Verbündete geworden. Ich ergriff mit meinen Fäustchen ritterlich ihre Partei und sie trat mit ihrem Goscherl und ihrer flinken Zunge für mich ein. Ich dachte, daß der Förster, der auch bei den Sautänzen erscheint, von den Bauern gar nicht mehr als Jude betrachtet werde, und erfuhr nun bald, daß ich, der Sohn vom langbärtigen Reb Mojsche, dem Zaddik, und die Tochter vom glattrasierten Förster, dem „Posche", zwei gleich mißachtete, gleich verspottete Judenkinder sind .. . (Aus dem Ungarischen übertragen von Ludwig Batö)