Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Die mittlere Pforte
- Date
- 1928-03-01
- Page
- 145 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE MITTLERE PFORTE Von Josef Patai Der bekannte ungarisch-jüdische Schriftsteller veröffentlich soeben unter dem Titel „Die mittlere Pforte. Das Leben eines kleinen Junten und eines großen Buches4* ein sehr interessantes erzählendes VWrk, worin das Leben eines kleinen ungarischen Chederbuben in überaus lebendiger und packender Weise geschildert wird. Der Talmudtraklat „Haba mt?zia" (Die mittlere Pforte), der gerade im Cheder studiert wird, wird zum Titel und Symbol des Buches. Dank dem Entgegenkommen des Autors sind wir als erste in der Lage, ein Kapitel aus diesem Buche in deutscher Sprache zu veröffentlichen. inen unfrommen Juden hat es in unserem Dorfe nicht gegeben. J_J Aber auch im Nachbardorfe nicht, das ein von wohlriechenden Kräutern umrankter Hügel von unserem Orte trennte. Unsere kleine Gemeinschaft war überaus stolz darauf, daß ihr die Juden des noch kleineren Nachbardorfes als „Filialgemeinde" angehörten. Einst war unsere Gemeinde viel größer und angesehener. Jetzt versammelte sich nur mit Müh und Not der zum Beten erforderliche Minjan — zehn erwachsene Männer. Oft standen wir im „SchuJhof' und lugten hinüber nach dem Hügel, ob die Juden aus dem Nachbardorfe schon unterwegs seien. Sie kamen an Sabbaten und Festtagen, mit dem hageren, braven Onkel Weiß an der Spitze, zum Beten, da die ganze Entfernung nicht größer war als die „Sabbatgrenze*'. Der Vorbeter, das Haupt mit dem silberbetreßten Tallis bedeckt, harrte des Zeichens, um mit dem Gebet beginnen zu können. In fünfzehn, zwanzig Minuten, während die Nachbarn vom Hang in die Schul' kommen, kann er die „Verse der Psalmen1)" vortragen, wozu der Minjan nicht erforderlich ist. Und wenn er dann bei „Borchu2)" hält, sind auch schon die Juden aus dem Nachbardorfe da und dann gibt es einen reichen, ausgiebigen Minjan. Als sie nachher wirklich eintrafen, wurden die Gäste mit einem breiten, freundlichen „Scholem alechem" begrüßt. Nun konnten wir alle miteinander inbrünstigen Herzens das wundervolle Sabbatgebet „Der Odem alles Lebenden..." anstimmen: „Und wäre unser Mund wie ein Meer, von Liedern voll, unsere Zunge so voll von Jubelsang, wie seiner Wogen Brausen, unsere Lippen gleich der Himmelswölbung gedehnt, zum Preisen, unsere Augen leuchtend wie Sonne und Mond, unsere Hände ausgebreitet den Adlern am Himmel ähnlich und unsere Füße so schnell wie das Reh — es reichte nimmer aus die Kraft in uns, Dir nach Gebühr zu danken, Ewiger, *) P'suke de-simra, Einleitende Psalmen zum Morgengebet. *) Eigentlicher Beginn des MorgengebeteB.