Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Zwischen dem Teufel und dem Roten Meer
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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68 MENORAH Herrliches Seeleuchten; wie in den letzlen Tagen, seit kein Vollmond mehr ist, immer. Das Wasser knistert, als wäre es elektrisch geladen, wenn man die Hand eintaucht. Die Schiffer sagen, es käme von den kleinen Fischen im Meer. Überall springen kleine Funken auf, wo ein Windhauch eine kleine Welle gegen einen Fremdkörper wirft. Ich stoße meine Lanze ins Meer und schwenke sie durch die Flut; bis zu zwei Meter lang ziehe ich hinter ihr eine feurige Fahne, glühend wie flüssiges Erz. An dem Strohhalm, den ich aus dem Wasser hebe, hängen blauglühende Tropfen wie Leuchtkäferchen; fallen langsam in die schwarze See zurück, aus der immer neues Feuer aufspringt. Das Slernenlicht ist hell genug, daß ich auf 200 Schritte weit sehen kann. Ich sehe auch die Matrosen am Vorderdeck, wie sie tuscheln. Ich darf nicht schlafen. Nicht einschlafen. Ich singe wieder endlose Lieder und überlege: bei Nacht wird man mich nicht überfallen, wenn ich wach bleibe und singe. Aber bei Tag, während der Fahrt, wie kann ich mich schützen? Revolver nehme ich grundsätzlich nicht mit auf arabische Fahrten. Der Säbel — er liegt gut in der Hand —- taugt gegen drei oder vier. Kommen mehr, muß ich über Bord. Es sind zehn Mann an Bord, und die Küste ist weit, dazwischen gibt es Korallen und Haifische. „Schaab" heißen die Korallenriffe, „Ilaasch" die unangenehmen Fische mit den spitzen Rückenflossen, deren eine ich heule schon ums Boot streichen gesehen habe. Unangenehme Namen: Shab — Hash — Die Nacht vergeht endlos langsam. Sonnenaufgang. Der Kapitän Mohammed, der arme Passagier Scherif Mohammed Ahmed, der einzige, der mit mir freundlich ist, der Lotse Saleh, stehen zum Gebet auf. Das Segel spannt sich am Hauptmast. Wir gleiten bei schwachem Wind durch die Morgendämmerung. Mir wirft man finstere Blicke zu, mustert höhnisch den blanken Säbel auf meinem Lager. Mir ist, als sei nie ein Morgen so schön gewesen. Jede Farbennuance kenne ich auswendig; vom Orangeroi, dem ersten Zeichen des Tages, bis zu dem zarten Blaßblau, das plötzlich im Westen den Horizont erhellt, während im Osten noch der Himmel dunkelblau bleibt. Dann wird wieder der Westen dunkel und der Osten leuchtet plötzlich in purpurroten Flammen, die allmählich orangerot werden — aber nicht mehr zarler Schein, wie zehn Minuten früher im Westen, scndern brennendes Gelbrot. Immer gelber wird es, hellgelb, grüngelb, grün, bis die blauen Töne aus Gelb und Grün in zartes Blaßblau übergehen, das die strahlende Sonricnscheibe umhüllt. Morgendlich leuchtet im rosigen Schein . . . Der Kapitän, hinter mir am Steuerruder, rezitiert singend Koransuren. Ich halte die Nervenanspannung nicht mehr aus. Ich muß ein Ende machen, komme was wolle. Ich stehe vom Lager auf, wasche Hände und Füße und Antlitz und nochmals die Hände, lege meine vollständige Tracht an, hänge die Waffen um, richte mich gegen Norden und spreche laut, hallend — mein Gebet, in meiner Sprache. Und warte . . . Die Malrosen sahen mich erstaunt an, erstaunt — nicht gehässig. Als ich zu Ende gebetet hatte und wieder auf dem Diwan lag, gab es lange Beratung. Dann kamen Kapitän und Scherif zu mir, loegrüßlen mich, fragten mich aus. ,,Woher, wohin des Weges? Oh, du bist von Palästina? Wo ist das? Wem gehört das? Den Inglisi? Sind die Inglisi keine Muslims? Wir haben noch nie jemand gesehen, der nicht Muslim war. Aber dich sahen wir beim Großsenussi und wir sahen, daß dich die Idrisi besuchten und so dachten wir, du seiest ein Muslim, der aber schlecht sei und nicht beten wolle. Aber wenn du zu Allah belest in deiner Sprache, dann ist es gut. Siehe, du gehörst zu den Völkern des Buches. Und Allah ist ein barmherziger Erbarmer .." Wir schlössen Frieden. Ich erzählte, daß der englische Konsul von Djidda auf mich warte, und das bestärkte die vorgefaßte Meinung der Besatzung, ich sei ein diplomatischer Agent Englands. Jetzt gab man riesig auf mich acht. Ich durfte nicht mehr baden, ich durfte nicht die Arme ins Wasser strecken — was soll man dem Konsul sagen, wenn ich gefressen werde? Denn Haifische haben Weiße viel lieber als die Schwarzen. Im Roten Meer scheint das Ansehen der Europäer noch nicht gelitten zu haben — wenigstens nicht bei den Haifischen . . . DIE S= BÜCHER der MENORAH Eine hochinteressante Neueinführung Im Jahre 1928 wird jeder Abonnent einen modernen jüdischen Roman erhalten. Die Bezugs gebühr für das Buchabonnement kommt dem Betrage für ein Quartal-Abonnement der Menorah gleich. Jedes Werk erscheint in Leinen gebunden mit besonderer Ausstattung in der Reihe: DIE BÜCHER DER MENORAH Der Herausgeber