Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Jüdische Kunstfeindlichkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 6)
- Language
- German
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JÜDISCHE KUNSTFEINDLICHKEIT 57 allgemeinen, überindividuellen Kultur am innigsten verflochtene Kunst in engster Beziehung zum Gottesbegrüf, zum Gottesdienst. Kunst und Kultur Ändert sich der Kulturinhall, so ändert sieh nahezu zwangsläufig damit auch die bildende Kunst nach Form und Inhalt. In der abendländischen Theokratie beherrscht weithin die kirchliche Baukunst das Bild der Architekturgeschichte; Malerei und Plastik stehen nicht minder im Dienste der Kirche. Mit der Wandlung der Theokratie zum Cäsaropapismus unter einem Julius II. etwa wandelt sich die Kunst: neben den Papst als Statthalter Christi tritt der Cäsar als weltlicher Herrscher, beide vereinen sich in einer Person, und in das Bild der Baukunst treten gleich starke weltliche Züge: neben den Dom tritt das fürstliche Wohnhaus, neben die Bilder Gottes und aller Heiligen die Bildnisse der Päpste und -— die unbekleideten Gestalten schöner Frauen. Diese weltlichen Züge in aller Kunst wachsen und verstärken sich mit zunehmender Verweltlichung europäischer Kultur: im Zeilalter des Absolutismus ziehen die Adelspaläste und Königssilze alle künstlerischen Kräfte an sich, hier vereinigen sie sich jetzt, um den Glanz des Königtums und des Adels in rein weltlichem Sinne durch Kunst und Prunk zu mehren. Jüdische K u n s t f e i n d I i c h k e i t -— eine Legend e In all diesem Wandel der Zeiten aber leben die Juden, bestenfalls nur geduldet, inmitten der sich verändernden Kultur ihrer Umgebung abgeschlossen für sich, sich klammernd an den Ewigen und seine Gebote, seine Lehre und sein Allerbarmen. So verliert die jüdische Kunst den Zusammenhang mit Gottesdienst und frommem Brauch im Strome der Zeit nicht: sie bleibt, auch im Kunstgewerbe, eng verbunden mit der Urväter Überlieferung, wird als wertvollster Besitz mitgeschleppt auf der rastlosen Wanderschaft von Ort zu Ort. von Land zu Land. Und nur die Gräber bleiben... und die Synagogen, die oft genug geweiht werden zu Stätten anderen Gottesdienstes... Und es bleibt die Legende von der im Wesen des Judentums begründeten Kunslfeindlichkeil, ein Vorurteil, das wie die meisten seiner Art mitgespeisl wird aus jenen trüben Quellen antisemitischer Herkunft, die darauf hinauslaufen, daß der „materiell gerichtete" Jude der Begeisterung für Ideale künstlerischen Schaffens nicht fähig sei. Ein Grund mehr für uns, jenem Vorurteil gerüstet zu begegnen, wo es uns auch entgegentritt.