Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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VOM NIL ZUM JORDAN 41 haßt war), eine hebräische Schule, eine Apotheke und im allgemeinen eine regelrechte Selbstverwaltung, sogar mit einer Kompagnie von Wächtern. Im Lager konnte man zwölf Sprachen hören, außer Hebräisch. Ein Glück noch, daß alle Kinder, fast alle Männer und ein großer Teil der Frauen die hebräische Sprache verstanden haben — sonst wüßte ich nicht, wie man ein solches Sammellager hätte organisieren können. Es gab da besondere Unterkünfte, ein marokkanisches, ein grusinisches und etliche spaniolische Zimmer — und auch ein besonderes Zimmer für die Jaffaer Gymnasiasten, die sich geweigert hatten, Chinin einzunehmen, weil der Apotheker nicht hebräisch sprechen konnte. Hiebei erinnere ich mich auch, daß die Gymnasiasten einige Wochen darauf ein FußbalJteam organisiert und in einem Match den Sieg über die Scouts von Alexandrien davongetragen haben. An jedem Morgen kam ein großer Armeewagen gefahren, mit einem australischen Soldaten auf dem Kutschbock und zwei riesigen australischen Pferden — mit dem einzigen Zweck, den kleinen Kindern des Lagers ein „Raid" zu geben. Die australischen Soldaten hatten es erlernt, auf Hebräisch zu rufen: „Jeladim hejnahl" — und in einer Sekunde füllte sich der Wagen mit kleinen Babys. Manchmal pflegte uns auch einer der australischen Offiziere zu besuchen — Leutnant Elieser Margolin: er stand da, schaute, plauderte in gebrochenem, gojischem Jiddisch und hatte es sich gewiß nicht träumen lassen, daß er in einigen Jahren Colonel eines der jüdischen Bataillone sein wird und daß diese selben „Wächter" sich unter seinen Soldaten befinden werden. Die sephardische Gemeinde von Alexandrien hatte wohlwollend Herz und Tasche geöffnet. Der Oberrabbiner Rafael Deila Pergola, ein feingebildeter Florentiner (er ist leider schon tot), sein Gehilfe Abraham Abichsair, der Bankier Edgar Suares, der Kaufmann Josef de Piciotto arbeiteten in der Kanzlei, sammelten Geld, Kleider, Bettzeug, Bücher und übernahmen die Vertretung der Flüchtlinge bei der Regierung. Von aschkenasischer Seite fehlte es auch nicht an Tätigen: der alte Levontin, der Generaldirektor der Anglo-Palestine-Bank in Palästina, erhielt Kredite von den ägyptischen Banken und verteilte Geld unter jene Flüchtlinge, die Depots in Jaffa besessen haben; Gluskin, Präsident der Weinkellereien in Rischon le Zion fuhr jeden Morgen zwecks Inspektion von einer Baracke zur anderen; Margolis, Generalvertreter von Nobels Oil Comp, im Orient, war Kassier. Es gab auch Nichtjuden, die sich freiwillig dem Hilfsdienst zur Verfügung gestellt hatten — besonders erinnere ich mich an eine schöne Französin, die die Frau des jüdischen Barons de Manasse war. Und ich muß gestehen, daß ich mich immer,