Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1927)
- Article
- Originale und Redensarten in der Judengasse
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 796 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912878-2921097--06018-2921275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
796 MENORAH S c h 1 o m e Börnig war Hühneraugenschneider von Beruf und hatte einen Hund, der in der ganzen Judengasse bekannt war. Der Hund hatte die besondere Eigenschaft, wenn drei Menschen zusammen standen, sich in die Mitte zu setzen und zuzuhören. Lange noch war für einen unwillkommenen Eindringling in der Judengasse sprichwörtlich: „Der benimmt sich wie Schlome Börnigs Hund." ModdelBloch hatte einen Stand mit Büchern auf dem Krempelmarkt. Er war nicht vom Glücke begünstigt und pflegte von sich zu sagen, um sein sprichwörtliches Pech zu charakterisieren: „Wenn ich mit Lichtern handle, wird es keine Nacht mehr geben." Eines Tages stand er bei strömendem Regen auf dem Krempelmarkte; sein ganzer Erlös betrug sechs Kreuzer. Unmutig über diesen schmalen Erfolg warf er das Sechskreuzerstück in die Luft mit den Worten: „Da haid1), nimm die sechs Kreuzer auch noch." Ein braver und aufrichtiger Mann war Leo J o u r d a n. Ein Republikaner aus ganzem Herzen; ein Schulfreund von Ludwig Bamberger, war er der Achtundvierzigerbewegung voll und ganz zugetan. Er stellte sich mitten in die aufgeregte Volksversammlung der damaligen Zeit und rief mit Stentorstimme: „Wir brauche kein' Groüherzog, wir brauche kein' Großherzog!" Vor den Platzkommissär zitiert wegen dieser revolutionären Äußerung sagte er: „Wir haben doch einen Großherzog, da brauchen wir doch keinen mehr." Die Haussuchung nach verbotenen Schriften blieb bei Jourdan erfolglos: Er hatte ein Zimmer seiner Wohnung mit den Flugschriften tapeziert, diese konnte man ihm nicht entfernen. Sein Vermögen hatte er in blanken Talern unter seiner Malratze liegen und als man ihn über den Grund dieses für die damalige Zeit überaus sonderbaren Verhaltens befragte, gab er zur Antwort: „Wenn der Großherzog von Hessen pleite geht, bin ich wenigstens gedeckt." Reh' Aron Doktor war ein frommer und gelehrter Mann. Um sein Leben zu fristen, hatte er einen Stand mit alten Kleidern auf dem Krempelmarkt. An einem Wintermorgen fuhr er bei Sturm und Regen im Halbdunkel seinen Schiebkarren seinen gewohnten Gang. Als einer seiner Freunde, der ihm begegnete, ihn fragte: „Reb' Aron, was tut Ihr heule bei dem Regen auf dem Krempelmarkt?" antwortete er: „Lesch'el mizweit2), damit die armen Leute Kleider bekommen." Eine lustige Person war J a n k c f Lohnstein. Wo Lohnstein erschien, gab es immer muntere Feste. Die sogenannten Kippeessen zu richten, war sein Metier. Doch damals waren die Gäste und Wirte noch nicht so diszipliniert wie heute. So wurden die Reklamationen bei der Tafel oft recht laut vorgebracht. Eines Tages fragte einer seiner Gäste bei einer feierlichen Gelegenheit: „Lohnstein, wo sind die Karpfen", doch er erwiderte: „Die sind noch im Münster- Weiher." Beliebt und gern gesehen war ein junger Mann namens Meyer. Er war ein gutmütiger Tölpel, der stets vor seinem Hause saß. Wenn ein Passant ihn begrüßte und fragte, wie es ihm gehe, so deutele er selbstzufrieden und seines Wertes sich bewußt, auf sich und sagte: „Jedem Kozen3) so ein Dutzend!" *) Voll stümliche Bezeichnung für den Gottesnamen. 2) Um ein gottgefälliges Werk zu tun. 8) Reichen. Manne.