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Menorah · 1927-12-01 · Heft 12 (Dezember 1927) · p. 794

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 12 (Dezember 1927)
Article
Originale und Redensarten in der Judengasse
Date
1927-12-01
Page
794 (sequence 1)
Language
German
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Originale und Redensarten in der Judengasse zusammengetragen von einem alten Mainzer Meyer N a s s und Jone G a m b a c h waren zwei bekannte Persönlichkeiten in der Judengasse. Meyer Nass war Sachverständiger für Gold, Silber und Juwelen. Eingeweihte behaupten zwar, daß seine Sachkenntnisse gering waren, sein Einfluß aber war sehr groß, so daß er überall bei An- und Verkäufen zugezogen wurde. Sein Ja galt als Ja, sein Nein als Nein. So wurde es zum Sprichwort in der Judengasse: ..Wenn Meyer Nass sagt: .Es ist falsch', dann ist es falsch." Sein Gegenstück war Jone G a m b a c h. Obwohl völlig mittellos, war er Bürge von Beruf. Bei allen geldlichen Transaktionen zog man ihn mit seiner Namensunterschril't zur Bürgschaft hinzu und heule noch sagen die Allen, wenn sie von einer zweifelhaften Transaktion sprechen wollen: „Jone Gambach für ein crev" (Bürge). K a r 1 c h e Lorch war Krankenpfleger. Eines Tages wurde ein Junggeselle, Mesche Bamberg, schwer krank in die Krankenstube der Judengasse eingeliefert. Der Arzt, der ihn besuchte, meinte, daß das Ende des Patienten gekommen sei und erlaubte Lorch, dem Kranken zu geben, was er wünsche. Samstag mittag wurde dem Krankenpfleger von seiner Frau die übliche Bohnensuppe gebracht. Bamberg wachte aus seiner Agonie auf, ob durch den Duft der Bohnensuppe oder sonst etwas, ist nicht aufgeklärt; immerhin bat er Lorch, ihm einige Löffel davon zu geben. Der Kranke verzehrte mit großem Behagen die Suppe und schlief ein. Er schlief bis zum nächsten Morgen. Als der Arzt kam, fand er zu seiner Überraschung einen wiedcrerholten Patienten. Der Doktor sagte: „Herr Lorch, geben Sie dem Patienten wieder dasselbe, wie bisher", worauf Lorch erwiderte: „Herr Doktor, da muß er bis zum nächsten Schabbes warten." H e r z'c he Cahn war der Vater des Geh. Legationsrats Cahn in Paris, des einzigen Deutschen, der seinerzeit im Jahre 1870 in Paris bleiben konnte und dessen Tagebücher aus jener Zeil Berühmtheit erlangt haben. Cahn ging, wie viele seiner jüdischen Zeilgenossen, mit dem Sack auf dem Rücken handeln. Seine Domäne war das der Stadt Mainz gegenüberliegende Koslheim und sein Handelszweig war alles Eisen. An einem schönen Junilage ging er auch wieder nach Kostheim, um alles Eisen einzukaufen. Mit seinem Sack beladen auf der Koslheimer brücke angelangt, machte er schon im Geiste Bilanz über seinen guten Kauf und sagte zu sich selbst: ..Heute hast du gut gehandelt, das Eisen wiegt mindestens einen Zentner." Als er auf die Mainzer SchilTsbrücke kam, sagt er zu sich selbst: ..Du hast dich geirrt, das Eisen wiegt 1 K- Zentner." Am Mainzer Zeughaus angelangt, überlegt und wägt er von neuem: ..Stuß! Zwei Zentner wiegt das Eisen." Zu Hause stellt er seinen Sack auf die Waage und siehe da: das Eisen wog 80 Pfund. — Wenn jemand in der Judengasse von einem Geschäft erzählte, von dem er sich allzuviel Erfolg versprach, sagte man; ,,Herzrche Cahn sein Eisen." L u d w ig B a m 1) e r g e r, der bekannte in Mainz geborene Parlamentarier, war im Jahre 1848 Mittelpunkt der republikanischen Bewegung in Mainz. Nach einem großen, erfolgreichen Tage wurde ihm von den Mainzer Revolutionären ein Fackelzug vor seinem Elternhaus dargebracht. In der damaligen Zeil waren die sozialen Gegensätze noch ausgeprägter als in der heutigen Zeit und im Gegensatz zu seinem Sinn war die alle Frau Bamberger mit der neuen Bewegung noch nicht vertraut. In seiner jugendlichen Begeisterung holte Bamberger seine Mutter ans Fensler, um sie die große Ehre miterleben zu lassen. Die Mutter aber antwortete: „Betracht' dir dein Kehal morgen früh, heule abend haben sie alle ihre Schabbeskleider an."

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