Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1927)
- Article
- Mainz und seine Kunst zur Zeit Maharils
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 746 (sequence 3)
- Language
- German
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74G MENORAH Kunst jener Tage. Neue Bauten erstanden in diesem Sinne, alle fanden Ausschmückung durch Plastiken von höchst gesteigerter Verfeinerung und Kapriziosiläl, wie wir sie nur im allerkultiviertesten Westen kennen; diese Werke zeigen eindringlich die weltmännische Gesinnung der Mainzer Kunst jener Tage und werfen Streiflichter auf ihre Umwelt. Die Gemälde aus jener Zeil (Decke in Carmelilen!) vermitteln eine meisterhafte Gesinnung, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der ganz großen Kunst der Epoche steht: sie sind Zeugen einer eigenen Kunst des Mittelrheins, deren Metropole Mainz gewesen. Viele mitlelrheinische Tafeln wurden anläßlich der Säkularisation nach Darmstadl ins Landesmuseum gebracht. Ihnen allen ist jener Stil eigen, der. nicht genau umgrenzbar. eben von allenthalben her das beste in sich aufnimmt und durch einen lyrischen Einschlag das Ganze gemildert sehen läßt. Noch andere Dinge jener Zeit besitzen wir, wie die Chorbücher des Frater Nicolaus im Domschatz, kirchliches Kunstgewerbe, Textilien und die verbreitete mittelrheinische Tonplastik, deren Mittelpunktwahrscheinlich Mainz gewesen. Ihre kultivierte, fast überfeinerte. Gestaltungsart ist bezeichnend für den Stand der Dinge. Mainz verleugnete nie seine große Tradition und erst recht nicht damals, als die Meisterwerke vergangener Jahrhunderte jederzeit sichtbar auf Sinn und Gemüt wirken mußten. Als Maharil durch die Mainzer Straßen wanderte, säumten Palrizierhäuser ritlerbürtiger Geschlechter, darunter die heute noch zum Teil bestehenden der Familien zum jungen Aben, Molsberg, Humbrecht, Bcchtelmünz. Gensfleisch. zum Stein, und reiche Zunfthäuser die engen Gassen des Rheinviertels, in dessen Mittelpunkt das Kaufhaus (am Brand). 1317 erbaut, stand. Seine spitzbogigen Gewölbehallen empfingen durch den wimpergbekrönten Eingang den Besucher. Seine Zinnen trugen die Reliefs der sieben Kurfürsten und Ludwigs des Bayern, sowie das des Heiligen Martinus, des Schutzpatrons der Stadt. Was alles noch stand, wissen wir nicht; jedenfalls war die Stadt voll stärkster Eindrücke für den Besucher und den Bewohner und ihre Anziehungskraft war, trotz des Haders unter den Parteien, auch für d i e fast ungeschwächl. die rein geistige Ansprüche machten. Eine Stadt ist nicht schön und prächtig, wenn der Geist sie nicht beseelt. Und so war noch ungebrochen das Ansehen der erzbischöflichen Metropole, innerhall) der sich langsam der Streit zwischen Bürgerschaft und Episkopat aus wuchs. Aber die Flamme des Geistes erlosch nicht, ja sie muß sehr stark gewesen sein, denn in jenen Zeiten entstand die Atmosphäre, der sich der Genius Gutenbergs wenig später entwandt und die zur Gründung der Mainzer Universität führte, deren 450jähriges Jubiläum wir heute hälfen feiern können, wenn das Ränkespiel der nachnapoleonischen Zeit die Stadt nicht endgültig zu einem Provinzdasein degradiert hätte. Es ehrt den großen jüdischen Gelehrten, daß er in jener Vor- Gutenbergzeit die Stadt aufsuchte, und es ehrt die Stadt Mainz und bezeugt ihr kulturelles Niveau, wenn sie einen Mann wie Maharil in ihren Mauern bergen durfte. R. Busch.