Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1927)
- Article
- Mainz und seine Kunst zur Zeit Maharils
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 745 (sequence 2)
- Language
- German
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MAINZ UND SEINE KUNST 745 Traditionen, ein angesehenes, immer noch blühendes Handwerk und die Regsamkeit des erzbischöflichen Hofes ließen gerade die Künste nicht stagnieren. Uni er Adolf I. von Nassau, Konrad von Weinsberg. Johann IL von Nassau und Konrad III. von Daun sind viele und nicht unbeträchtliche Bauten entstanden. Das Stadtbild selbst bot einen stolzen Anblick: von Südwesten reihten sich, auf drei Kilometer verteilt, die Vertikalen der Türme und Türmclien zahlreicher Kirchen, beginnend auf dem die Stadt begleitenden Höhenzug zu Weisenau über den Jakobsberg und Albansberg. Zitadelle und Hechtsheimer Berg, bis zum doppeltürmigen Peterssli 1*1 im Nordwesten. Diesen scharf geschnittenen Silhouetlenkonturen fügten sich die zahlreichen Sladtmauertürme ein, deren markantesten auf dieser Linie Diethpforten-, Zucker-, Gaupforten-, Windmühlen-. Juden- und Brandturm gewesen. (Der Judenlurm nannte sich nach der Gegend des Judensandes — der Begräbnisställe der Juden.) Sie alle umgreifen den Stadtkern, dessen spitzige Steinzinnen-. Giebel- und Turmwerkfülle in luinderten von Nuancen gen Himmel sticht: Im Zentrum der sechstürmige Dom mit hohen nadelspitzen, gaupenbesetzten Helmen, die polygonalen Turmkörper mehr wie heute akzentuierend, und um ihn im Stadtinneren wieder Dutzende von Kirchen und Kirchlein. Dazwischen die Kapellen und die Fülle der wehrbekrönten und treppengieblichen Patrizicrhäuser. In der Mitte der Stadt auch die Synagoge, die Serarius und Joannes für das Jahr 1433 bezeugen. Sie stand zu Maharils Zeiten in der Schuslergasse, an der Stolle des jetzigen Warenhauses Tielz (Maskoppscher Stadlplan von 1575. Haus 154). Mit der Vertreibung der Juden durch Erzbiscbol' Adolf IL von Nassau, mit Dekret vom 12. Oktober 1473, wurde diese Synagoge in eine christliche Kapelle umgewandelt (Haus des Weihbischofs, Allerheiligenkapelle). An diese Synagoge schloß sich gegen Quintinskirche und Flachsmarkt das Judenvierlel an. Das Slädtebild selbst umrahmte gegen den Rhein die Mauern- und Turmkelte: zuerst die Bockspforle, wo man den Zoll erhob, dann Holzlurm. Fisch türm. Turm zum eisern Türlein, roter Turm. Mühlpforle bis Pelerspforle und Grinsturm. Die erzbischöfliche Marlinsburg stand an dieser Nordwestecke damals noch nicht: sie wurde erst 1477 von Diether von Isenburg errichtet. So steht wie ein Traum dies Stadtbild um 1400 vor unserem Auge, ein längst zerstörter Traum, der uns heute nur sehr schwer auch das innere Stadtbild rekonstruieren läßt. Wie etwa die Sladt mit ihren Straßen ausgesehen haben mag. sagt uns der oben zitierte, allerdings viel spätere Maskoppsehe Plan, der freilich alle die Ergänzungen eines Jahrhunderts verzeic hnet. Als der große jüdische Gelehrte in der erzbischöfliehen Stadt lebte, sah er manches erstehen, was Zeuge jener Entwicklung, die dem XV. Jahrhundert eigentümlich ist, jener Wende, von der Debio sagt: ,.es ist das Jahrhundert werdender Dinge, schwebender Entscheidungen, starker Spannungen zwischen äußerer Lebensform und innerem Gehalt, ein Zwielicht umspielt die Dinge ... es ist eine Wandlung, die einschneidendste seit dem Untergang der Antike.'' Und diese Wandlung vernehmen wir deutlich auch an der Mainzer