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Menorah · 1927-12-01 · Heft 12 (Dezember 1927) · p. Seite 700

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 12 (Dezember 1927)
Article
Mendele Mocher Sforim
Date
1927-12-01
Page
Seite 700 (sequence 2)
Language
German
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700 MENOR A II Aufklärung Erziehungsf ragen behandelte. Das bekannteste seiner erzählenden hebräischen Werke ist der im Jahre 1868 erschienene Roman ,,Väter und Söhne". Kino Anzahl seiner jiddischen Erzählungen und Rumäne hat Mendele seihst auch in hebräischer Sprache bearbeitet. Es ist als besonders bezeichnend für das Wesen des Dichters anzuführen, daß er ein deutsches naturwissenschaftliches Werk ins Hebräische übersetzte. Denn auch als Dichter hat Mendele geradezu naturwissenschaftlich gearbeitet. Als er schriftstellerisch begann, war durch die Aulklärung, die Haskalah in die jüdische Masse des Ostens ein kultureller Gärstoff gelragen worden, der für die damals einsetzende und bis heute eigentlich noch nicht abgeschlossene Tendenz auf Verbreiterung des traditionellen jüdischen Kulturinhalles nach der profanen Seite hin von starker Wirkung wurde, Um nun in dieser Gärung und Bewegung künstlerisch Bleibendes zu sehalTen. bedurfte es eines wichtigen Faktors: der Fähigkeit, alle diese Tendenzen und Formbildungen in einer im wesentlichen unorganisierten Masse, wie es die jüdische war, als Ganzes zusammenzufassen. Der diese Fähigkeit besaß, mußte zum schöpferischen Genius einer Literatur werden, und Mendele Moeher Sforim besaß diese Fähigkeit. Wohl war er, wie alle geistigen Polenzen seiner Zeit unler den Juden des Ostens, im Kreise der Aufklärungslendenzen der Haskalah aufgewachsen. Er sah aber mehr als den Teil des jüdischen Problems, den der Aufklärer, der Maskil sali, und so kam er aus der satirischen Tendenz, welche seine ersten Werke kennzeichnet, zur objektiven, künstlerischanalytischen Erfassung des gesamten jüdischen Lebens seiner Zeil, eben zu jener bereits als naturwissenschaftlich charakterisierten Gestaltung dieses Lebens, die ihn künstlerisch dem französischen Dichter Flaubcrt an die Seite stellt und aus der, wie einmal gesagt wurde, das jüdische Leben dieser Zeit genau rekonstruiert werden könnte, wenn von ihm auch keine andere Kunde erhalten bliebe als Mendeles Werk. Er spürte, was eben nur das schöpferische Genie spürt: die Wirklichkeit in ihrem immerwährenden Fluß, dem mit einseiligen Dogmen nicht beizukommen ist. Während die Haskalah von gnädig gewährten Rechten träumte, die gewissermaßen durch kosmetische Arbeit an der Judenheit erlangt werden könnten, sah Mendele die Wirklichkeit: eine unorganisierte jüdische Masse, in welcher jeder der von dem Dichter so köstlich beschriebenen Orte Tunedajewka, Glupsk, Kabzansk, deren Urbilder ja in der Wirkliehkeil exislierlen, im Sinne ihrer Bewohner den Mittelpunkt der Welt bildet, einer Welt, die durch die fürchterliche Enge des Raumes unproduktiv und daher nicht von Dauer sein kann. Es ist gewissermaßen vorweggenommene Romantik, die aus Mendeles Werken spricht. Diese schöpferische Tal einer Zusammenfassung des jüdischen Lebens seiner Zeit, wie sie in wahrhaft modernem dichterischen Sinne kein zweites Mal geglückt ist, gab die Grundlage für die nachfolgende, geradezu stürmische Entwicklung der jiddischen und hebräischen Literatur der späteren Jahrzehnte. Aber Mendeles Geist bewirkte mehr: seine sprachschöpferische Genialität schuf beiden Literaturen den sprachlichen Unterbau. Er fand zwei Sprachen vor, die eine, die jiddische, ebenso wie ihre Träger unorganisierte Masse an Formen und Ausdrücken für den Gebrauch des täglichen Lebens, die andere, die hebräische, im Überlieferlen, religiösen Traditionsinhalt geradezu zur Erstarrung geheiligt und später durch die hebräische Schriftstellern der Aufklärung in leblosen formalen Schwulst zerzogen; diese beiden Sprachen packte die kleine Hand eines in zartem Körper wohnenden Genies mit gewaltigem Griff, knetete und formte sie zu Instrumenten lebendigen dichterischen. Ausdrucks. Er schweißte aus den Stüelemenlen der hebräischen Sprache, dem biblischen, dem talmudischen und dem von der Aufklärung geformten hebräischen Arabeskenstil, dem sogenannten in elizi.sehen Hebräisch, eine lebendige Literatursprache, und hat so den Weg gewiesen, auf dem die Entwicklung des Neuhebräischen bis heule vorwärts gehl. In der jiddischen Sprache nahm Mendele das Volkstümliche, Ursprüngliche, das nicht mit der Tendenz irgend welcher sprachlicher Abkehr zu den Well.sprachen verknüpft ist; er entnahm der an und für sich starker Nuancierung fähigen Sprache die Farbensleinchen, die seine musivisehc Darstellung bedurfte, und fügte sie zusammen, daß das Ganze ein Bild von intensiver Leuchtkraft ergab. Er schuf erst aus dem Volksicliom eine Sprache. Und wenn man sich in den europäischen Großstädten anläßlich der Gastspiele der Wilnaer jiddischen Thealertruppe darüber wunderte, daß das Jiddische wirklich den Eindruck einer Sprache macht, so ist dies nicht zuletzt Mendeles Werk. So hat dieser Dichter zwei Literaluren schöpferisch befruchtet und ihnen Wege der Entwicklung gewiesen, die gerade in der lelzlen Zeit die ganze Welt auf ein neues Instrument in der Symphonie ihrer Kultur horchen ließen. Sigfried Schmitz.

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