Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Der Maler Leopold Gottlieb
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 668 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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668 MENORAH gewinnen, sozusagen in unerlöslen* Melodien auf in seinen Bildern. Für diese Bilder hält der Maler eine erdig-glanzlose, fast monotone Palette bereit. Und schon diese Monotonie zeigt den Ernst seiner Stimmungen, die Größe der Vorstellungen, die er verwirklichen will. ,»Verwirklichen?" Nun, man darf bei diesem Wort nicht an kraftvolle Gestalten in klaren Räumen denken, sondern viel eher an nur wesenhafte Erscheinungen, um nicht zu sagen: an Schemen. In diesen nur scheu hervortretenden, gleichsam tönernen Gebilden ist die Idee, die Empfindung und der Akkord stärker als ihre farbige und plastische Existenz. Sie leben — um ein Wort von Dostojewski zu gebrauchen -— von der „Berührung mit anderen Welten". Es macht wenig Unterschied, was dargestellt wird. Und so tragen auch — neben Werken wie „Der Verkauf der Fische", „Das Abendmahl der Fischer" und ,,Der verlorene Sohn" — die meisten keinen bestimmten Namen, sondern bezeichnen sich bloß als Kompositionen. Denn sie alle sind nur dumpfe, müd verlangende oder bedrückte Gefühle, die in ebensolche Formenrhythmen aufgehen wollen. Audi die Ekstasen erscheinen nicht anders. Das zeigt das Beispiel „Der verlorene Sohn". Wohl hat sich jetzt die Form — im Maße dieses immer wieder verglühenden, sich selbst verzehrenden Temperaments — mit Ausdruck gesättigt. Aber die stürmische Bewegung ist erstarrt zur erschöpften Gebärde. Es ist nicht mehr ein Bild der überlieferten Erzählung, sondern ein Sinnbild selbstverlorener Umarmung. Es macht auch w7cnig Unterschied, ob der Maler sich des Aquarells, des Öls, des Pastells oder der Tempera bedient. Denn jedes dieser Mittel wird auf ähnliche Weise, mit nah verwandter Wirkung —- graugrün, tonig, mit mattem Leuchten — behandelt. Vielleicht entspricht die schummrige Tempera am besten den letzten, freskenhaften Absichten des Künstlers. Jedenfalls entspricht sie seinen uferlos schweifenden Stimmungen. Vor diesen trüb verschwebenden Bildern erwacht die Erinnerung an die „Gefilde der Mütter", wohin — bei Goethe in der Tragödie zweitem Teil — Mephisto den Faust entführt, damit er die ungeborenen, noch ungewissen Ideen sehe. „Von Schweigen umgürtet", haben sie Art und Ansehen schicksalsvoller Ahnungen. So steht Leopold Göttlich heute vor uns: als ein verschwiegener Fanatiker, der vom Epischen das Legendäre abschöpft und nach dem Mysterium verlangt. Noch hat er nicht sein Ziel erreicht. Noch ist es fraglich, ob er dahin kommt. Und man weiß nicht, ob man es wünschen soll. Denn was heute an seiner Kunst vor allem fesselt, ist das ungelöste Problem. In dieser Kunst ist die Idee leidenschaftlich gefühlt, aber nicht auch klar gesehen und so, nur lastend, gestaltet. Alles lebt von dieser schwebenden, schwärmenden und schwermütigen Berührung des Gefühls und Gedankens mit der Gestalt. Darf man wünschen, daß dieses im Grunde jüdische Wesen seine Unbestimmtheiten abstreife, um in klarer farbiger Form hervorzutreten? Würde es nicht dabei seine Heimlichkeiten verlieren? Und würde es dafür Schönheit und Größe gewinnen? Max Eis ler.