Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Die Juden in Palermo
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 664 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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664 MENORAH Synagoge in Trani aus dem XHL Jahrhundert Abb. aus: The Legacy of Israel—Oxford, ClarendonPress Als nun im Jahre 5246, also 1486 nach der üblichen Zeitrechnung, Obadjah aus Bartenuro nach Palermo kam, fand er die Juden nicht mehr so aufrecht vor wie einst Benjamin von Tudela. Er erzählt: „Palermo ist die Hauptstadt von Sizilien. Es finden sich hier an 850 jüdische Familien, alle in einer Straße, welche im besten Teile der Stadt gelegen ist, wohnen. Sie sind Handwerker, Kupfer- und Eisenschmiede, Lastträger und Bauern. Sie müssen als Auszeichnung ein rotes Stück Tuch ungefähr von der Breite eines Goldstückes an ihren Kleidungsstücken am Brustteile angeheftet haben. Die königliche Steuer lastet schwer auf ihnen; denn sie müssen jede Arbeit, die vorkommt, für den König unternehmen; so müssen sie die Schiffe ans Land ziehen, Dämme machen und dergleichen. Sie werden auch als Exekutoren für Leibes- und Todesstrafen gebraucht. Angeber sind zahlreich unter ihnen, Es kommt taglich vor, daß einer den anderen verleumdet, so daß hier Verleumdung nicht mehr als Verbrechen erscheint.. . Die Synagoge in Palermo hat ihresgleichen nicht in der Welt. Im äußersten Hofe winden sich Weinstöcke, wie ich deren noch nie gesehen habe, um die steinernen Säulen; ich habe einen dieser Weinstöcke gemessen, und er war fünf Spannen dick .. . Rings in der Synagoge sind mehrere Nebengebäude, das Hospital, wo Betten für Kranke und für Fremde, die dahinkommen und nicht wissen, wo sie übernachten sollen, angebracht sind; ein großer und schöner Saal für die Auserwählten, wo diese zu Gericht sitzen und die Gemeindeangelegenheiten beraten; es sind deren zwölf, die jedes Jahr neu gewählt werden. . . Sie sind von dem König bevollmächtigt, die Steuern festzusetzen, Geldstrafen aufzuerlegen und zu verhaften. Diese Einrichtung hat nichts Gutes für sich, denn es sind oft Leute ohne Namen und von schlechtem Charakter, die den Statthalter durch Geschenke dahin bringen, sie zu Auserwählten zu ernennen. Diese Geschenke werden aber dann von der Synagogen- und Gemeindesteuer hergeschafft, so daß das arme Volk mit Steuern überladen wird, da die Auserwählten, unterstützt durch den Statthalter, eigenmächtig handeln dürfen. Das Elend der Bedrängten ist ungeheuer." Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Juden restlos aus Sizilien vertrieben. Nicht die Bevölkerung des Landes wünschte dieses, sondern die spanische Regierung, die um dieselbe Zeit auch die Juden aus dem Mutterlande vertrieb. Deshalb findet man heute auf der ganzen Insel nur wrenige Juden. Palermo besitzt eine kleine Gemeinde, aber nichts ist mehr von dem Glänze der großen Vergangenheit zu spüren. Die Spuren der entschwundenen Zeit findet man noch im Museum von Palermo, wo ein Stein in lateinischer, griechischer, hebräischer und arabischer Sprache davon kündet, daß einst soviel verschiedene Kulturen und Religionen friedlich nebeneinander gelebt haben.